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Ein Essay von Dieter Hoffmann
MAINZ. Dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Chemnitz ein Kunstklima entfaltete, das sich hinter Dresden, Leipzig, Berlin nicht verstecken musste, ist vor allem dem Maler, Zeichner und Radierer Michael Morgner zu danken. Er zählte schon zu DDR-Zeiten zu den über die Staatsgrenzen hinaus bekannten ostdeutschen Künstlern. Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz widmete ihm nun eine Ausstellung. Die Werke sind noch bis zum 15. Dezember 2006 in den Räumen der Akademie zu sehen.
Einst vor dem Kriege glänzte die damals bedeutende westsächsische Industriestadt Chemnitz mit Henry van de Velde und Edvard Munch als Gästen, wurden hier nahebei Karl Schmidt-Rottluff und Wilhelm Rudolph geboren. Dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Chemnitz wieder Kunst entfaltete, ist vor allem Michael Morgner zu danken.
Selbst wenn Morgner nicht mehr als die erschütternden Zeichnungen seiner sterbenden Frau gemacht hätte, wäre ihm sein Platz in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts gesichert. Sie werden in einer Reihe mit den Zeichnungen Ferdinand Hodlers von der sterbenden Geliebten gesehen, auch mit den Zeichnungen Gerhard Kettners von der sterbenden Mutter. Zudem sollte Oskar Kokoschkas Zeichnung des Vaters von Galeriedirektor Posse auf dem Totenbett gedacht werden. Und man könnte im Vergleichen hoch gegriffen bis zum Bildnis der alten Mutter zurückgehen, die von Albrecht Dürer bekannt ist. Morgners Vanitaszeichnungen waren einmal im Museum Saarbrücken gemeinsam mit Arbeiten des alten Dresdner Konstruktivisten Hermann Glöckner ausgestellt Kontraste des Memento mori zum Gebauten.
Wenn Wunden sich schließen, bleiben Narben zurück
Der trauernde Künstler hat die eigenen Blätter nicht ertragen und stiftete sie dem Dresdner Kupferstich-Kabinett zu Ehren von dessen verdienstvollem Direktor Werner Schmidt. Morgner wandte sich auch mit der Kunstfigur des „Schreitenden“ dem Weiterleben zu, blieb aber der Verstorbenen durch das Thema der Vergänglichkeit treu. Später arbeitete er an einem Zyklus, dem er den Titel „Narben“ gab auch wenn Wunden sich schließen, bleiben Narben zurück. Es ist jetzt die (vom Kunstwollen mißhandelte) Bildfläche und die Farbmaterie, die leiden und ihr Leid zeigen. Er bekannte sich mit den Barock-Farben Schwarz und Braun zu „Dunkelbildern“, wie er sie nannte. Einsame sperrige Zeichnungen mit ausgewaschener Tusche, die „Winterzeichnungen“, könnten ein Echo auf Wilhelm Müllers von Franz Schubert vertonte Lieder der ergreifenden „Winterreise“ sein, deren „Leiermann“ schon Max Beckmann aufgewühlt hatte.
Morgner, geboren 1942, im Stalingrad-Jahr, vermag sinnvoller Weise fremdes Leid verdeutlicht wahrzunehmen durch eigenes. So blieb es nicht aus, dass er sein Gesamtwerk als ein „Deutsches Requiem“ empfindet. Obwohl nicht gläubig, will und kann er sich nicht der christlichen Ikonographie entziehen, dem Ecce homo, dem Kalvarienberg, der Kreuzigung. Gläubig? Nicht-gläubig? Vielleicht war auch Nietzsche letztendlich gläubig.
An internationalem Echo fehlt es dem Künstler nicht. Das bisher umfangreichste Material über ihn ist niedergelegt im Katalog des Saarland Museums Saarbrücken Herbst 1993; seither ist viel entstanden. Die kleine Ausstellung in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, gewährt ihm einen spannungsreichen Kontext, den selbst manche größere Ausstellung so nicht herstellen konnte.
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Dr. Carlo Servatius
Leitender Akademischer Direktor
Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz
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