Rätselhafte Zeichen im Gebälk
Inschriftenkommission der Göttinger Akademie legt neuen Band vor

GÖTTINGEN. Das alte Fachwerkhaus steht schon seit Hunderten von Jahren. Viele Generationen haben es bewohnt, doch von ihnen blieb kaum eine Spur. Nur ein paar Zeichen im Gebälk – für einen Laien kaum zu erkennen und zu verstehen. Texte auf Grabdenkmälern, Glocken und Häusern aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit bergen unzählige Geschichten und Geheimnisse. Dr. Sabine Wehking von der Inschriftenkommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen hat viele von ihnen enträtselt. Fünf Jahre lang sammelte und kommentierte sie sämtliche Inschriften des Landkreises Göttingen. Nun liegen die Ergebnisse ihrer Arbeit vor.

In ihrem Buch „Die Inschriften des Landkreises Göttingen“ dokumentiert Wehking 450 Inschriften bis zum Jahr 1650, die in vielfältiger Weise die Geschichte der Region, ihrer Institutionen, aber auch ihrer Menschen lebendig werden lassen. Das Werk stellt nicht nur der Forschung neue historische Quellen zur Verfügung, es bietet auch interessierten Bürgern eine zuverlässige Grundlage für die regionale Geschichte.

Schwerpunkte bilden die Inschriften der Städte Duderstadt und Hannoversch Münden. So belegt die Historikerin anhand der Texte beispielsweise, wie eng in Hannoversch Münden die Beziehungen zwischen der städtischen Bürgerschaft und der herzoglichen Residenz waren. Über die Inschrift eines Fachwerkhauses aus dem Jahr 1555 stößt sie etwa auf den Hofschneider der Herzogin Sidonia, Andreas Tedener. Der Schneider ließ eine Inschrift in lateinischen Versen an seinem Haus anbringen - ungewöhnlich für einen Mann seines Standes. Seine Tätigkeit bei Hofe hatte ihn offenbar nicht nur in die Lage versetzt, ein Haus zu bauen. Sie weckte auch einen Wunsch nach dauerhafter öffentlicher Repräsentation.

Die Inschriften in Duderstadt zeichnen sich durch ihre Originalität aus. Stereotype Texte wie „Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut“, die andernorts beliebt waren, sind in Duderstadt nur selten zu finden. Vielmehr haben sich die Bürger hier die öffentliche Wirkung von Inschriften zunutze gemacht, um mit gezielt ausgewählten Versen aus der Bibel und aus Kirchenliedern ihre Position in der konfessionellen Auseinandersetzung von Reformation und Gegenreformation deutlich zu machen.

Bibliographische Angaben

Wehking, Sabine (Bearb.): Die Inschriften des Landkreises Göttingen. Die Deutschen Inschriften, Göttinger Reihe, Bd. 66. Wiesbaden: Reichert, 2006. ISBN 3-89500-516-9, Preis: 62 Euro.

Das Projekt „Die Deutschen Inschriften“ wird über das Akademienprogramm gefördert.

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