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„Vergib, denn sie wissen nicht, was sie tun“
Ein Resümee zu den Annäherungen an eine philosophische Theorie des Verzeihens

MAINZ. (kod) Der Begriff der Verzeihung bleibt in der Philosophie eigentümlich unthematisiert. Man scheint sich damit abgefunden zu haben, dass hier die Theologie zuständig sei. Doch diese Abschiebetendenz ist unhaltbar, findet Klaus-Michael Kodalle. Er hat eine Abhandlung mit „Annäherungen an eine philosophische Theorie des Verzeihens“ vorgelegt.

Insofern der Mensch ein fehlbares, irrtumsanfälliges Wesen ist, muss er auch zugestehen, dass er immer wieder auf Verzeihung angewiesen ist. Die Chance zu einem wirklichen Neubeginn im „an sich“ verschuldeten Dasein bliebe sonst unvorstellbar. Jeder Mensch wird einräumen können, dass er an ganz entscheidenden Schnittstellen seiner Biographie Verzeihung empfangen oder gewährt hat.

Moralität ist ohne den in der Verzeihung eröffneten Weg, zurückzufinden zur Integrität, überhaupt nicht möglich. Vor allem in Krisen und Wendezeiten wird erkennbar, dass auch im öffentlichen Leben, in Politik und Recht die Frage aufbricht, ob nicht allein gewisse Spurenelemente eines Geistes der Verzeihung die gefährliche Synthese von überheblicher Unnachsichtigkeit und erschlichener (darum misslingender) Selbstentschuldung auflösen könnten. Stichwort Verzeihung nach Wendezeiten.

Argumentative Strategien, die das Verzeihen erleichtern

Die eigentliche Aufmerksamkeit in der Abhandlung gilt der Frage, was die Philosophie zu einer Theorie der Verzeihung beizutragen hat. Wichtige Anregungen finden sich bei den Antipoden Hegel und Kierkegaard. Im 20. Jahrhundert haben vor allem Denker aus der Schule der ‚Phänomenologie’ den besonderen Charakter des Aktes und der Haltung der Verzeihung genauer untersucht. Max Scheler und Hannah Arendt in Deutschland, Jacques Derrida und Paul Ricoeur in Frankreich seien als Beispiele genannt.

Vorgestellt werden vor allem argumentative Strategien, die das Verzeihen erleichtern oder fördern können. Der sokratische Satz „vergib, denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist ein solches Argumentationsbeispiel. Die Griechen hatten darauf bestanden, niemand tue wissentlich das Böse. Diese Überzeugung erleichtert natürlich Prozesse der Vergebung. Wenn die Bibel Jesus diese Worte in den Mund legt, greift sie offensichtlich auf eine griechische Vorgabe zurück.

Über die kritische Erörterung moralphilosophischer Argumente hinaus steht – grundsätzlicher – der jeweilige „Vernunft“-Begriff zur Debatte. Das Verständnis für ‚Verzeihung’ erweist sich als Indikator dafür, ob ein ‚offener’ (undogmatischer) oder ‚geschlossener’ (gegenüber Abweichung gnadenloser) Vernunftbegriff in der jeweiligen Theorie dominiert.

Bibliographische Angaben

Kodalle, Klaus-Michael: Annäherungen an eine Theorie des Verzeihens. Abhandlungen der Geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, Nr. 8/2006. Stuttgart: Steiner, 2006. ISBN 3-515-08973-X, Preis: 17 Euro.

Kontakt

Dr. Carlo Servatius
Leitender Akademischer Direktor
Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz
Geschwister-Scholl-Str. 2
55131 Mainz. Tel.: 06131 / 577 106
carlo.servatius@adwmainz.de
www.adwmainz.de




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