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HEIDELBERG. „Alter“ und „Altern“ sind Schlagworte mit Konjunktur. Politiker, Ökonomen, Mediziner, Psychologen, Biologen und Philosophen entwerfen Szenarien für die Zukunft, die aufhorchen lassen. Und bei mancher öffentlichen Diskussion scheint nicht nur die demographische Entwicklung Kopf zu stehen.
Gleichwohl: die Situation ist brisant. Die Lebenserwartung der über 60-Jährigen und mit ihr der Anteil der Menschen jenseits des Erwerbsalters steigt weiter. Die Geburtenrate ist so niedrig wie niemals zuvor. Es stellt sich die Frage nach der Überlebensfähigkeit der wirtschaftlich hochentwickelten Staaten, nach Generationensolidarität und dem Fortbestehen tragfähiger Sozialsysteme. Augenfällig brechen die strukturellen Probleme jener Regionen auf, die von der Abwanderung junger Menschen bedroht sind.
Ende November veranstaltete die Heidelberger Akademie der Wissenschaften daher ein wissenschaftliches Symposion, das sich grundlegend mit den Problemen, aber auch den Chancen einer alternden Gesellschaft beschäftigte. Sie wollte mit dem Thema bewusst einen Schritt hinter die zuweilen emotional aufgeladene Diskussion zurück tun und stellte eine scheinbar einfache, aber klärungsbedürftige Frage neu: „Was ist Alter?“.
Leiterin des Programmkomitees war Prof. Dr. Ursula M. Staudinger von der International University Bremen, Vorsitzender des Lenkungsausschusses war Prof. Dr. Heinz Häfner vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Mannheim. „Unser Anliegen war es, herausragende Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen ins Gespräch zu bringen und damit der Altersdiskussion neue Impulse zu geben“, sagte Häfner. Gefördert wurde die Veranstaltung von der Robert Bosch Stiftung.
Zehn Gramm toter Zellen pro Tag
Das Symposion näherte sich dem Phänomen Alter aus vier unterschiedlichen Richtungen: Körper & Medizin, Demographie & Gesellschaft & Politik, Verhalten sowie Kultur & Bedeutungskonstruktion. So verglich Prof. Dr. Peter Krammer vom deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg die Zellen des menschlichen Körpers mit einer Armbanduhr und wenn einzelne Rädchen in der Moleküluhr kaputt gingen, funktioniere die Uhr nicht mehr. Zehn Gramm solcher toter Zellen produziere der Mensch pro Tag. Zehn Gramm, die zuverlässig entfernt werden müssen, wenn es nicht zu neurodegenerativen Krankheiten und Krebs kommen soll.
Ein Mensch sei so alt wie seine Stammzellen, postulierte dagegen der Stammzellforscher Prof. Dr. Anthony Ho. Wären sie im Alter ähnlich aktiv wie in der Jugend, könnten Vergreisung und viele damit verbundene Krankheiten gebremst werden. Seine Hoffnung: Wenn man zur richtigen Zeit und am richtigen Ort die Stammzellen reaktivieren könnte, eröffnete dies neue Therapiemöglichkeiten.
Die anwesenden Psychologen dagegen legten ihren Fokus auf die kognitive Leistungsfähigkeit und die Bewältigung des Alterns: Ulman Lindenberger vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin betonte, dass alte Menschen dem Verlust ihres geistigen Potentials durch soziale Kontakte und geistige Fitnessübungen entgegensteuern können. Und auch unzufriedener müssten alte Menschen nicht sein, sagte Psychologin Ursula Staudinger von der International University Bremen. Im Gegenteil: Sie seien „emotionsklug“ und somit umgänglicher und verlässlicher als mancher junge Mensch.
Die Alten nicht an den Rand der Gesellschaft stoßen
Wie relevant die Diskussion um das Alter ist, zeigen Prognosen vor allem für Europa und Japan, mit Verzögerung aber auch für Amerika und China. Die Alterung der Bevölkerung schafft einen gesellschaftlichen, kulturellen und wahrscheinlich auch politischen Umbruch, der historisch keine Parallele kennt. Wie ist er zu bewältigen kann er überhaupt bewältigt werden?
Auf keinen Fall könne es sich der Staat leisten, die Alten an den Rand der Gesellschaft zu stoßen, meinte der Sozialhistoriker Prof. Dr. Jürgen Kocka. Vielmehr sollte ihnen Arbeit jenseits der Erwerbstätigkeit ermöglicht werden, der Staat solle die Diskrepanz zwischen dem Potential der Alten und veralteten Rahmenbedingungen aus der Welt schaffen: „Wir müssen die Beiträge, die Ältere zum Erwerb und zur Wahrnehmung zivilgesellschaftlicher Verantwortung leisten können, besser nutzen, sagte er. „Wenn uns das gelingt, dann ist unsere Zukunft nicht grau, sondern silbern.“
Kontakt
Dr. Johannes Schnurr
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Karlstr. 4
69117 Heidelberg
Tel.: 06221 / 54 34 00
E-Mail: johannes.schnurr@urz.uni-heidelberg.de
Internet: www.haw.baden-wuerttemberg.de und www.was-ist-alter.de
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