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Ein Bach! Aber welcher?
In der Neuen Bach-Ausgabe wurden etwa 500 Werke zweifelhafter Echtheit untersucht

LEIPZIG / GÖTTINGEN. Nicht überall, wo Bach darauf steht, ist auch Bach drin. Zumindest nicht Johann Sebastian Bach. Schließlich komponierten auch seine vier Söhne sowie eine Reihe von Vettern und Vorfahren. Von absichtlichen Fälschungen ganz zu schweigen. Um den wahren Urheber eines Werkes zu erkennen, reicht es auch nicht, Bachs Handschrift zu studieren. Denn viele seiner Werke wurden in seinem Auftrag von Schülern abgeschrieben. Und manchmal griff auch der Vater Johann Sebastian Bach selbst zur Tinte und schrieb einzelne Kompositionen seiner Söhne ab. Um anderen deren unleserliche Schrift zu ersparen.

So gibt es ein Konzert von Wilhelm Friedemann Bach, das lange dem Vater zugeschrieben wurde. Schließlich war es eindeutig die Handschrift des Thomaskantors. „Heute können wir sagen, dass es eine Komposition des Sohnes war“, sagt Prof. Dr. Christoph Wolff, der Direktor des Bach-Archivs in Leipzig. „Johann Sebastian Bach hat das Stück für eine gemeinsame Aufführung sauber abgeschrieben, der Sohn hatte eine Sauklaue.“ Etwa 500 Werke zweifelhafter Echtheit wurden in der nun im Rahmen des Akademienprogramms fertiggestellten Neuen Bach-Ausgabe untersucht, und erst eine genaue Analyse aller für die Forscher erreichbarer Quellen förderte solche Einzelheiten zutage.

Von Irrtümern und bewussten Fälschungen

Am Anfang stand eine einfache Überlegung: Welche Gründe könnte es für Fehlzuschreibungen geben? „Ein wichtiger Aspekt in der Überlieferungsgeschichte sind die Fragen rund um die große Musikerfamilie Bach. Denn auf den Partituren fehlen oft die Initialien oder Vornamen“, erklärt Dr. Peter Wollny vom Leipziger Bach-Archiv. Manchmal habe auch ein vager Eindruck oder der allzu große Wunsch, noch mehr Werke von Bach zu kennen, zu irrtümlichen Zuschreibungen anonymer Stücke geführt. „Daneben gibt es ganz bewusste Fälschungen. Wir wissen aus Briefen von interessierten Käufern, die für viel Geld angebliche Sammlerstücke erstanden haben und erst viel später den Betrug bemerkten.“ Bei manchen Handschriften aus dem späten 18. Jahrhundert und aus dem frühen 19. Jahrhundert sei es außerdem schwer, eine eindeutige Verbindung zu Bach und seinem Kreis herzustellen.

Dr. Peter Wollny hat sich in seiner Forschung auf die Kopisten Bachs spezialisiert – also die Helfer Bachs, die in seinem Namen Aufführungsstimmen oder auch ganze Partituren des Komponisten zu Papier brachten. „Wenn ein uns bekannter Schreiber den Namen Bach auf eine Komposition schreibt, hat das natürlich eine viel größere Glaubwürdigkeit, als wenn wir einer völlig unbekannten Schrift begegnen“, sagt er. Es gebe zum Beispiel von Bach eine Sonate für Querflöte und Cembalo in Es-Dur BWV 1031, die seit jeher in ihrer Echtheit angezweifelt wurde. Stilistisch schien sie nicht zu Bach zu passen, zusätzlich wusste man nicht, auf wen die frühen Abschriften des Werkes zurückgingen. Wollny hat den Unbekannten identifiziert. Durch einen Zufall.

Ein Helfer Bachs wird identifiziert

Der Musikwissenschaftler hatte im Stadtarchiv der Kleinstadt Eilenburg eine Routineanfrage nach Musikerakten gestellt. Die Antwort lautete: Ja – und wir haben den Eindruck, dass hier der Name Bach genannt wird. Tatsächlich waren unter den Bewerbungsunterlagen für eine Kantorenstelle in Eilenburg auch die eines Johann Nathanael Bammler, der gleich noch zwei Zeugnisse von Johann Sebastian Bach beilegte, die die enge Verbindung des Musikstudenten zum Thomaskantor bewiesen.

Viel wichtiger jedoch war das eigenhändige Bewerbungsschreiben: „Da sah man sofort, dass es nicht irgendwer war, sondern ein Schreiber, den wir aus zahlreichen Bach-Quellen kennen und bisher anonym mit Hauptkopist H benannt hatten“, sagt Wollny. Wie auch aus den Zeugnissen hervorging, sei Bammler ein sehr wichtiger Helfer Bachs gewesen, hat im Chor gesungen, Instrumente gespielt, für den Thomaskantor dirigiert, wenn er abwesend oder krank war, und eben auch seine Werke kopiert. „Er ist der letzte Hauptschreiber Bachs. Man kann an seinen Abschriften deutlich sehen, dass er den alten und kranken Bach immer mehr unterstützt hat und vielleicht sogar im letzten Lebensjahr die Aufführung der Werke übernommen hat“, sagt Wollny. Dass er eine Komposition wie BWV 1031 fälschlich mit Bachs Namen kennzeichnete, scheint kaum denkbar. „Wir müssen davon ausgehen, dass er nach Bachs Willen handelte.“

Ein Schreiberkatalog für Zweifelsfälle

In zwei Addenda-Bänden der Neuen Bach-Ausgabe hat außerdem das Forscherpaar Yoshitake Kobayashi und Kirsten Beißwenger die vorliegenden Informationen über Bachs Notenschreiber maßgeblich geordnet und erweitert. „Wir können dank dieses Schreiberkatalogs nun mehr als 250 Individuen unterscheiden, die für Bach geschrieben haben“, sagt Prof. Dr. Martin Staehelin, der Direktor des Göttinger Bach-Instituts. „Wenn wir nun auf eine neue Bach-Abschrift stoßen, können wir vergleichen, ob es eine graphische Übereinstimmung mit einem Kopisten aus dem Katalog gibt.“ Denn hier werden zum einen die jeweils charakteristischen Schriftzeichen eines Schreibers in schematischer Wiedergabe abgedruckt sowie sämtliche Notenmanuskripte von der Hand des gleichen Schreibers tabellarisch aufgelistet und zum anderen eine große Zahl von ganzen Notenseitenproben abgedruckt.

Wichtig ist das nicht so sehr bei den größeren Kompositionen Bachs – hier ist das Echtheitsproblem weniger bedrängend. Schwierig wird es vor allem bei den kleineren Stücken, kleinen Cembalostücken etwa oder auch bei den einzeln überlieferten Choralvorspielen für Orgel. „Manche Skepsis oder Zurückweisung bei diesen Stücken aus unterschiedlicher Überlieferung konnte so ausgeräumt oder bestätigt werden“, sagt Staehelin. Die Echtheitsfrage werde in der Ausgabe durchweg diskutiert – und Zweifelhaftes lieber abgedruckt, als dass man es verschweigt, um das Stück in der wissenschaftlichen Diskussion zu halten.

Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Deutlich neue Erkenntnisse habe auch das genaue Quellenstudium zu den Kammermusikwerken gebracht, sagt Wolff. „Wenn ein Werk untypisch klang, hat man früher oft angenommen, dass Bach so nicht schreiben könne. Das müsse ein Sohn geschrieben haben.“ Ein Trugschluss, denn Bach habe sich selbst im Alter sehr intensiv mit der jungen Generation auseinandergesetzt. „Der alte Bach ist keineswegs nur konservativ, sondern konkurriert mit den jungen Komponisten und will es genauso oder besser machen“, sagt Wolff. Dieses Spannungsfeld zeige sich unter anderem am „Musikalischen Opfer“, das Bach 1747 für den Preußischen Hof komponierte. Dies sei zum einen retrospektiv, kontrapunktisch, altmodisch bearbeitet, habe zum anderem aber auch moderne Elemente – etwa in der Triosonate für Flöte, Violine und Clavier.

Selbst die als unecht abgewiesenen Stücke werden zumindest in den Kritischen Berichten der Neuen Bach-Ausgabe erwähnt. „Jeder, der ein zweifelhaftes Stück in die Hände bekommt, kann nun nachschlagen und sich selbst ein Urteil bilden“, sagt Staehelin.



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