|
LEIPZIG / GÖTTINGEN. Mehr als 1100 Werke hat Bach komponiert, doch kaum eines hat er mit einem Datum versehen. Wenn Musikwissenschaftler heute wissen wollen, wie die künstlerische Entwicklung des Komponisten verlief, so sind sie auf fast detektivischen Spürsinn angewiesen. Sie analysierten Papiere und Wasserzeichen, identifizierten Notenschreiber und fanden einige datierte Textdrucke. So gelang es in der nunmehr im Rahmen des Akademienprogramms fertiggestellten Neuen Bach-Ausgabe erstmals, ein gesichertes chronologisches Rahmenwerk für Bachs Schaffen zu erstellen. Dabei erlebten die Wissenschaftler einige Überraschungen.
So ging die ältere Bachforschung davon aus, dass sich die knapp 200 Kantaten Bachs gleichmäßig auf seine 27 Jahre in Leipzig verteilen. Doch wie Alfred Dürr, einer der Begründer der Neuen Bach-Ausgabe, bereits in den 60-er Jahren zeigen konnte, sind sie zum größten Teil in den ersten fünf Jahren zwischen 1723 und 1728/29 entstanden. Und zwar in drei zusammenhängenden Jahrgängen, wie Dürrs Analyse der Kopisten und Aufführungsmaterialien, der Papiere und der Wasserzeichen auf dem Notenpapier ergab. Danach hat der Thomaskantor die Werke regelmäßig wiederaufgeführt. Eine Erkenntnis, die zu einer kontroversen Fachdiskussion einlud und zu dem Schluss führte, Bach hätte nach den fünf Jahren wohl kein Interesse mehr an kirchlichen Werken gehabt und sich von dieser Mühe abgewandt.
„Eine krasse Missinterpretation der Verhältnisse“, findet Prof. Dr. Christoph Wolff, der Direktor des Leipziger Bach-Archivs. „Bach dürfte eher pragmatische Gründe gehabt haben. Er brauchte ein Repertoire, mit dem er umgehen konnte. Und selbst die Wiederaufführungen spulte er nicht einfach ab, sondern verbesserte sie ständig.“ Große Oratorien wie das Weihnachtsoratorium, die Johannespassion und die h-Moll-Messe zeigten außerdem, dass er sich bis ins letzte Jahrzehnt immer wieder mit der musica sacra auseinander gesetzt hat.
Sind spätere Kantatenjahrgänge verschollen?
Die Diskussion darüber, wie man sich Bachs Wirken in den späteren Jahren in Leipzig vorzustellen hat, dauerte jedoch viele Jahre an und ist auch heute nicht abgeschlossen: Hat er das Komponieren von Kantaten ganz eingestellt? Sind spätere Kantatenjahrgänge einfach verschollen? „Wir wissen aus dem Nachruf von Bachs zweitältestem Sohn, dass Bach fünf Jahrgänge komponiert haben soll. Wenn das zutrifft, fehlen uns zwei und damit sicher mehr als hundert Stücke“, sagt Dr. Peter Wollny vom Leipziger Bach-Archiv. „Das halten viele für unwahrscheinlich.“
Etwa 200 Kantaten jedoch sind erhalten und die unterschiedlichen Fassungen, die zu einigen von ihnen festgestellt worden sind, haben der Chronologieforschung neue Erkenntnisse gewährt. „Bach hat zum Beispiel Kantaten oder Kantatensätze ursprünglich auf weltliche Texte komponiert und erst später neue, geistliche Texte unterlegt“, erklärt Prof. Dr. Martin Staehelin vom Göttinger Bach-Institut die Unterschiede.
Die Chronologie erlaubt so einen Blick auf die Aufführungsgeschichte der Bach’schen Werke während der Lebenszeit des Komponisten. Allein bei der Johannespassion werden nun vier deutlich verschiedene Aufführungen unterschieden. Dazu kommt eine umfangreiche Umarbeitung des Werkes, die unvollendet geblieben ist. Orchester und Chöre können aufgrund der Neuen Bach-Ausgabe zwischen zumindest zwei sehr verschiedenen Varianten wählen.
Ähnlich ist es mit der Matthäuspassion. Während die späte Fassung von 1736 sehr bekannt ist, blieb die frühe Fassung von 1729 in der Alten Bach-Ausgabe außen vor. „Wir haben sie mit der Edition des Notentextes nun der musikalischen Praxis zugänglich gemacht“, sagt Dr. Andreas Glöckner vom Leipziger Bach-Archiv. Gleichzeitig werde deutlich, wo Bach Überarbeitungen für nötig hielt. „In gewisser Weise holen wir Bach von seinem göttlichen Podest und zeigen ihn als einen hart arbeitenden Musiker“, sagt Wolff. „Ein Musiker, der auch mal sieht, dass er sich verrannt hat und sich zuweilen korrigiert. Damit ist dem Genie Bach nichts angetan, aber wir bekommen eine konkretere Vorstellung davon, wie Bach zu dem Meister wurde, der er ist.“
Der junge Bach und sein Schaffen
Vor allem der junge Bach rückt nun mehr und mehr ins Blickfeld nicht zuletzt durch neue, spektakuläre Funde: 1984 stieß Prof. Dr. Christoph Wolff in der Yale University Library auf die bislang völlig unbekannten Orgelchoräle der Neumeistersammlung 33 Werke, die Bach vor und um 1700 komponiert hat und die damit die früheste bekannte Schicht seines Schaffens bilden. „Es ist das früheste für uns greifbare Repertoire eigenständiger Kompositionen des jungen Bach“, sagt Wolff.
Die frühesten Notenhandschriften Bachs hat nun im Sommer sein früherer Doktorand und jetziger Mitarbeiter Dr. Michael Maul in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar gefunden: Darunter Tabulaturen der Choralphantasien über „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ von Dietrich Buxtehude und „An Wasserflüssen Babylon“ von Johann Adam Reincken, zwei Werke, die sehr hohe spieltechnische Anforderungen stellen. Dennoch sieht alles danach aus, dass der 13- bis 15-jährige Bach die Kompositionen in Ohrdruf kopiert hat, um sie zu studieren und zu spielen. Bereits unter der Obhut des älteren Bruders Johann Christoph müsse er also auf einem Leistungsstand von ungewöhnlich hohem Niveau gewesen sein, meint Wolff. In der Neuen Bach-Ausgabe werden diese Quellen allerdings nicht erscheinen, da es sich nicht um eigene Kompositionen des Musikers handelt.
|