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Nicht nur ein lupenreiner Notentext
Mit der Neuen Bach-Ausgabe wird ein deutsch-deutsches Projekt abgeschlossen

GÖTTINGEN / LEIPZIG. Es ist fast vollbracht. Wenn 2007 die letzten noch fehlenden Bände der Neuen Bach-Ausgabe erscheinen, liegt erstmals das gesamte Werk Johann Sebastian Bachs in authentischen Notentexten vor. Weder für die Aufführung noch das Studium der Werke Bachs gibt es derzeit zuverlässigere Partituren und Kommentare – über fünfzig Jahre Quellenstudium und editorische Detailarbeit haben nicht nur fälschliche Überlieferungen im umfangreichen Bach’schen Schaffen getilgt, sondern auch die einzelnen Werkfassungen und die Chronologie ihrer Entstehung sichtbar gemacht. Seit 1976 wurde die Neue Bach-Ausgabe mit rund 10 Millionen Euro aus dem Akademienprogramm gefördert, das von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordiniert wird.

Eigentlich sollte es nur eine revidierte Neuausgabe werden. Die Alte Bach-Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert genoss einen guten Ruf; ihr Ziel, einen von Verfälschungen gereinigten Notentext darzubieten, hatte sie so gut als möglich verwirklicht. Doch als sich 1951 – genau 100 Jahre nach der ersten Gesamtausgabe der Werke Bachs – auf westdeutscher Seite Alfred Dürr und jenseits der Grenze Werner Neumann an die Arbeit machten, wurde ihnen schnell klar, dass die Aufgabe größer war, als zunächst gedacht. Längst waren neue Quellen aufgetaucht, und auch der wissenschaftliche Anspruch an eine Edition hatte sich geändert.

Hinzu kamen die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges: Die alten Stichplatten aus Blei waren für Kriegsgerät eingeschmolzen worden, viele Bibliotheken und damit auch die Ausgaben der großen Musiker zerstört, die Quellenbestände verloren oder auseinander gerissen. Allein die Bach-Autographen aus der Berliner Staatsbibliothek waren an vier verschiedenen Orten diesseits und jenseits der Eisernen Vorhangs verstreut. Es galt, das nach zwei Weltkriegen Verbliebene vor weiterem Verfall zu sichern und neu zu befragen. „Die Quellen wissen mehr als wir“ – so lautete das Motto, unter das das Göttinger Bach-Institut und das Leipziger Bach-Archiv die Neue Bach-Ausgabe stellten. Und so wurde aus dem Unternehmen nicht nur die einzige deutsch-deutsche Editionspartnerschaft zum Werk eines großen Komponisten, sondern auch ein Vorreiter in der wissenschaftlichen Orientierung und der Anlage der Kritischen Berichte.

Eine Partitur im Osten, die Aufführungsstimmen im Westen

Die deutsch-deutsche Zusammenarbeit war kein Zufall. „Das begann unter einem sehr guten Stern durch das kollegiale Zusammenwirken der beiden Hauptredakteure Alfred Dürr und Werner Neumann“, sagt Prof. Dr. Christoph Wolff, der Direktor des Leipziger Bach-Archivs. „Zwar war etwa bei der Matthäus-Passion die Partitur in Ost-Berlin, die Aufführungsstimmen jedoch im Westen der Stadt. Aber durch die Kollaboration konnte diese Trennung überwunden werden.“ Und auch Dr. Andreas Glöckner vom Leipziger Bach-Archiv erinnert sich, dass die Aufgaben nach Quellenlage verteilt wurden: In Leipzig wurden eher die Kantaten bearbeitet; Göttingen konzentrierte sich auf die Orgel- und Klavierwerke. „Die Reisegenehmigungen für die Leipziger Musikwissenschaftler blieben immer ein Lotteriespiel. Aber natürlich hat man auch im kleinen Grenzverkehr Kopien von Quellen getauscht.“

Erst als 1979 das Bach-Archiv von der DDR-Führung zeitweise aufgegeben und zur Nationalen Forschungsstätte Johann Sebastian Bach wurde, stagnierte die Forschung in Leipzig bis zur Wende. Am Göttinger Bach-Institut dagegen, das ohnehin nach außen als federführend auftrat, konnte ohne Unterbrechung intensiv weitergearbeitet werden – zumal die Edition 1976 in die Bund-Länder-Förderung des Akademienprogramms aufgenommen worden war.

Akribische Quellenarbeit als Grundlage

„Dass die Edition die deutsch-deutsche Teilung ohne wesentliche Unterbrechungen überstanden hat, ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Prof. Dr. Martin Staehelin, der Direktor des Göttinger Bach-Instituts und Leiter des Herausgeberkollegiums, das für beide Institutionen übergeordnet für die Konzeption der Ausgabe in ihren Ästen und Gliedern, nach Serien und Bänden zuständig war und zum Beispiel über die Aufnahme von Kompositionen in die Neue Bach-Ausgabe entschied.

Nun ist es fast vollbracht. Wenn Ende des Jahres von den geplanten 103 Notenbänden 102 erschienen sind und von 99 Kritischen Berichten 98 vorliegen, bleiben nur noch wenige Lücken, die Anfang 2007 geschlossen werden. Die Ausgabe ist in neun nach gleichen Kompositionsgattungen angeordneten Serien und ein Supplement aufgeteilt. Die einer Serie zugeordneten Bände variieren in ihrer Zahl je nach der Zahl der Kompositionen zu einer bestimmten Gattung. Zu jedem Notenband gehört ein kleinerformatiger Kritischer Bericht, in dem der zuständige Bandbearbeiter seine Quellen nachweist, auswertet und über die Entscheidungen Rechenschaft ablegt, die er im Notentext der Edition getroffen hat. Oft ist etwa kein Autograph Bachs erhalten, sondern nur Abschriften, deren Authentizität nachgewiesen und deren Abweichungen untereinander erklärt werden müssen.

Der Umgang des Komponisten mit seinem Werk

Doch im Unterschied zur Alten Bach-Ausgabe ging es den Editoren nicht nur darum, einen möglichst lupenreinen Notentext zu erstellen. „Der Praxisbezug ist stärker“, sagt Wolff. „Alle Hinweise aus den Quellen zu den Aufführungen der Werke wurden besonders einbezogen.“ Und auch die Kompositions- und Aufführungsgeschichte der Werke unter Bachs Händen sollte belegt werden. Erstmals wird der Entstehungs- und Revisionsprozess deutlich, konnte der lebendige Umgang des Komponisten mit seinem Werk dokumentiert werden.

Eine Art Erdrutsch in der Bachforschung löste auch die neue Chronologie der Werke aus. So wies Alfred Dürr nach, dass der Thomaskantor Bach seine Kantaten nicht gleichmäßig über die Zeit von 1723-1750 komponierte, sondern die meisten von ihnen bereits in den ersten Leipziger Jahren vorlegte – praktisch ein Musikalienvorrat, den sich Bach nach Amtsantritt anlegte, um für die gottesdienstliche Musik genügend Kantaten zur Verfügung zu haben. Dies allerdings ist schon Interpretation. Die Editoren verstehen sich eher als Dienstleister für die Bachforschung: „Wir haben für eine saubere Grundlage gesorgt, auf der die musik- und geistesgeschichtliche Gestalt und Wirkung Bachs in einem zweiten Schritt bewertet werden kann“, sagt Staehelin.

Das deutsch-deutsche Projekt der Neuen Bach-Ausgabe wird nun offiziell am 13. Juni 2007 beendet. In einem Festakt in der Leipziger Thomaskirche werden nicht nur die Thomaner und das Gewandhausorchester musizieren, sondern auch der Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, und der Präsident der Akademienunion, Prof. Dr. Gerhard Gottschalk, Ansprachen halten. Selbstverständlich ist auch eine feierliche Übergabe des letzten Bandes vorgesehen.


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