|
LEIPZIG. Das Erbe Bachs in alle Welt hinauszutragen, ist eines der erklärten Ziele des Leipziger Thomanerchores. Und die Thomaner sind dabei sehr erfolgreich: Über 100.000 Zuhörer haben sie jährlich auf ihren Konzertreisen. Wir sprachen mit Georg Christoph Biller, der als 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach den Knabenchor leitet, welche Rolle die jetzt im Akademienprogramm abgeschlossene Neue Bach-Ausgabe für den Chor spielt.
Wenn die Thomaner Bachs Werke aufführen, singen sie dann aus der Neuen Bach-Ausgabe?
Biller: Leider kann man das so nicht sagen. Der Verlag ließ bisher der Neuen Bach-Ausgabe kaum Klavierauszüge, Orchester- und Chormaterial folgen, die man für die praktische Arbeit mit einem Chor braucht. Aber ich selbst richte mich nach der Neuen Bach-Ausgabe und trage selbst alle neuen Erkenntnisse in vorhandene Chor- und Orchestermaterialien ein oder ich lasse sie eintragen.
Warum haben Sie sich als Thomaskantor für diese Ausgabe entschieden?
Biller: Das ist ganz selbstverständlich. In der Neuen Bach-Ausgabe gibt es zu jedem Stück eine umfassende, kritische Quellenuntersuchung, so dass Bachs Absichten viel besser als in vorhergehenden Ausgaben zu erkennen sind. Änderungen von früheren Herausgebern Zusätze oder praktische Übertragungen aus der jeweiligen Zeit sind getilgt. Das ist vor allem auf die Artikulation bezogen, betrifft manchmal aber den Notentext, in den sich Fehler eingeschlichen haben. Oder man hatte früher etwas als Fehler Bachs gedeutet, was sich heute als Kühnheit des Komponisten herausstellt. Und auch der deutsche Text ist wieder in seine ursprüngliche Version zurückversetzt worden.
Sie waren selbst Thomaner. Wurde auch damals schon die Akademie-Ausgabe bei den Thomanern genutzt?
Biller: Sobald einzelne Bände erschienen waren, wurden sie genutzt. Meine Vorgänger haben das so ähnlich gemacht wie ich. Sie haben also in das vorhandene Orchestermaterial neue Quellenkenntnisse eingefügt.
Gibt es Werke, welche die Thomaner aufführen, die uns ohne die Neue Bach-Ausgabe gar nicht so bekannt wären?
Biller: Ja, vor allem Fassungen von Werken. Bach hat seine Kompositionen für jede neue Aufführung bearbeitet. Manchmal sind das sehr grundlegende Änderungen. Das ist in der Neuen Bach-Ausgabe für viele Werke erstmals nachvollziehbar. Zum Beispiel die Frühfassung der Matthäuspassion, die wirklich an vielen Stellen ganz anders ist als die bekannte Spätfassung. Dass wir um solche Unterschiede wissen, verdanken wir der Neuen Bach-Ausgabe.
Wenn die Thomaner die Matthäuspassion singen, welche Version verwenden Sie dann?
Biller: Das variiert je nach Anlass. Wir haben jetzt mehrmals die Frühfassung vorgestellt und in diesem Jahr auf CD aufgenommen. Jetzt werden wir zur Spätfassung zurückkehren.
Gibt es Erkenntnisse aus der Neuen Bach-Ausgabe, die für die Ausbildung der Thomaner eine besondere Rolle spielen?
Biller: Singen lernt man nicht besser aus der Neuen Bach-Ausgabe. Aber natürlich ist es für sie interessant, wenn sie mit selbst für den erfahrenen Musiker nicht gleich zugänglichen Eigenarten konfrontiert werden sprachlich, aber auch harmonisch.
Wie wichtig sind die Urtexte?
Biller: Das hat an Bedeutung gewonnen. Noch in den 50er, 60er Jahren waren Urtexte Bachscher Werke etwas Außergewöhnliches, weil die Praktiker sich dann viel mehr selbst zusammenreimen müssen. Sie müssen sich den Notentext vornehmen und dann die Machbarkeit einschätzen. Inzwischen ist es üblich, Urtext-Ausgaben zu verwenden, auch bei Bach. Wer als Musiker die Neue Bach-Ausgabe nicht zur Grundlage seiner Aufführungen nimmt, hat etwas Wesentliches versäumt. Nun müssten die Verlage die Werke als praktisches Material herausbringen. Das gibt es erst bei einigen Bachwerken, die oft aufgeführt werden. Aber der Thomanerchor zum Beispiel singt alle Bachkantaten. Und da gibt es ganz viele, die nicht adäquat vorliegen. Vieles machen wir dann selbst mit einem Leipziger Verleger, aber teilweise ist das auch nicht möglich.
Die Fragen stellte Jana SCHLÜTTER
|