Zwischen Friedenssehnsucht und Spracharbeit

KÖTHEN. Obwohl der Dreißigjährige Krieg noch tobte und die Glaubensgegensätze zwischen Protestanten und Katholiken ganz Europa spalteten, wendete sich die „Fruchtbringende Gesellschaft“ voller Friedenssehnsucht der Pflege der deutschen Sprache zu – und wurde zur größten und bedeutendsten deutschen „Sprachgesellschaft“ des Barock. In der Köthener Schlosskapelle wird nun am 8. September 2006, 16 Uhr, der jüngste Editionsband „Briefe der Fruchtbringenden Gesellschaft und Beilagen“ mit den Korrespondenzjahrgängen 1637 und 1638 (4. Köthener Briefband) der Öffentlichkeit präsentiert. Die 124 Briefe und 52 Beilagen gewähren seltene Einblicke in das Geistesleben einer Akademie des 17. Jahrhunderts. Es laden ein: die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, das Historische Museum für Mittelanhalt & Bach-Gedenkstätte Schloss Köthen und die Sächsische Akademie der Wissenschaften.


So verschieden die Fürsten mit ihren ganz unterschiedlichen Territorien und Landschaften, divergierenden Glaubensbekenntnissen und Bildungswegen auch waren, so konnten sie sich doch manches Mal auf ein gemeinsames Vorhaben einigen. Die „Fruchtbringende Gesellschaft“ (1617-1680), eine italienischen Vorbildern nachempfundene Akademie, war eines davon. Der Zweck: „bei dem bluttriefenden Kriegsjammer unsre edle Muttersprache, welche durch fremdes Wortgepränge wässerig und versalzen worden, hinwieder in ihre uralte gewöhnliche und angeborne deutsche Reinigkeit, Zierde und Aufnahme einzuführen, einträchtig fortzusetzen und von dem fremd drückenden Sprachenjoch zu befreien“.

Fundierung einer deutschen Nationalkultur

Aufs Engste mit den Askaniern an Saale und Elbe verbunden, entfaltete die erste und größte deutsche Akademie unter dem vielseitig gebildeten und sprachlich-literarisch interessierten Fürsten Ludwig von Anhalt (1579-1650) mit ihrem ambitionierten und friedensgesinnten Sprach- und Kulturprogramm nationale und internationale Ausstrahlungskraft. Als einziger deutscher Sozietät des 17. Jahrhunderts gelang es ihr, durch die Einbeziehung vieler Fürsten, Edelleute, Räte, Militärs, Gelehrter und Dichter, eine nicht mehr höfisch, konfessionell, ständisch, staatlich oder regional begrenzte Führungsschicht für die Fundierung einer deutschen Nationalkultur zu gewinnen.

Noch heute werden mit dem Köthener Erzschrein und anderen Quellen wertvollste Dokumente der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ in Köthen verwahrt. Und nicht nur das. Im Akademienprogramm entsteht eine kritische Ausgabe der überlieferten Quellen. Sie soll zum ersten Mal möglichst alle in Angelegenheiten der Gesellschaft geschriebenen Briefe, deren Beilagen sowie die wichtigsten Akademiearbeiten und andere zentrale Dokumente erschließen und das Leben der Sozietät in ihren bildlichen Ausdrucksformen und in Zeugnissen aus dem historischen Umfeld erschließen und dokumentieren. Die Edition ist in zwei systematische Reihen (I: Briefe, Beilagen und Akademiearbeiten; II: Dokumente und Darstellungen) sowie drei chronologische Abteilungen (A: Köthen [1617–1650], B: Weimar [1651–1662], C: Halle [1663/67–1680]) gegliedert.

Europäischer Friede in Sicht?

Der nun abgeschlossene Band enthält 124 Briefe und 52 Beilagen, die zumeist dem Erzschrein Fürst Ludwigs von Anhalt-Köthen entstammen. Die Zeugnisse umfassen unter anderem seinen Briefwechsel mit den Dichtern Martin Opitz und Diederich von dem Werder und mit vielen anderen wichtigen Mitgliedern. Die Briefe berühren nicht allein literarische, sprachliche oder wissenschaftliche Gegenstände, sondern behandeln ebenfalls militärische und diplomatische Themen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Da der Inhalt der meisten Schreiben darüber hinaus nicht auf Angelegenheiten der Akademie beschränkt ist, werfen sie auch ein Licht auf wenig bekannte militärische Ereignisse in Ostdeutschland und die ersten Versuche, den Dreißigjährigen Krieg durch einen europäischen Frieden zu beenden. Andere Aspekte der Korrespondenz sind Erscheinungen des Kultur- und Reichspatriotismus, aber auch die Erziehung von Aristokraten, Gelehrten, Offizieren und Räten – egal ob es dabei nun um den Gebrauch der deutschen Muttersprache oder die rechte, christliche Frömmigkeit geht.

Mitten im Krieg erstmals eine akademiehafte deutsche Sprachwissenschaft

Den Beginn eines neuen gelehrten und akademiehaften Umgangs mit deutscher Sprachwissenschaft belegt Christian Gueintz’ Grammatik. Andere Dokumente des vorliegenden Bandes zeugen vom Versuch einer neuen Bibelübersetzung, von Fürst Ludwigs poetischen Lehrbüchern über das Alte Testament und von seinen Verbesserungen von Martin Opitz’ Übertragung des Genfer Psalters. Andere Quellentexte spiegeln die naturwissenschaftlichen Leistungen zweier Mitglieder wider: die meteorologischen Studien Landgraf Hermanns von Hessen-Rotenburg und die Veröffentlichungen Angelo Salas, eines erfinderischen Chemikers. Bisher nicht publizierte oder selten gesehene Illustrationen ergänzen und beleuchten die Textzeugnisse.

Grund genug für einen Themennachmittag zur „Fruchtbringenden Gesellschaft“. Wenn sich die Teilung Anhalts am 8. September 2006 zum 400. Male jährt, wird der neue Editionsband ab 16 Uhr in der Schlosskapelle Köthen vorgestellt. Es sprechen unter anderem der Projektleiter und Herausgeber der Edition, Prof. Dr. Klaus Conermann, über „Die Fruchtbringende Gesellschaft und das Fürstentum Anhalt“; später stellen Dr. Gabriele Ball und Dr. Andreas Herz den neuen Band vor: „Friedenssehnsucht und Spracharbeit – die Fruchtbringende Gesellschaft 1637-1638“.

Die Edition „Die deutsche Akademie der 17. Jahrhunderts, Fruchtbringende Gesellschaft“ ist ein Projekt des Akademienprogramms.


Kontakt

Dr. Ute Ecker
Generalsekretärin der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Karl-Tauchnitz-Straße 1
04107 Leipzig
Tel. 0341 / 711 5315
E-Mail: ecker@saw-leipzig.de
Internet: www.saw-leipzig.de
und www.saw-leipzig.de/sawakade/3vorhabe/frucht.html

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