Vom Hoffnungsbild kultureller Lerngemeinschaften
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht an BBAW-Mitglied Prof. Dr. Wolf Lepenies

BERLIN. Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den deutschen Soziologen, früheren Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. Wolf Lepenies, zum diesjährigen Träger des Friedenspreises gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 8. Oktober 2006, in der Paulskirche statt. Der Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Mit Wolf Lepenies ehre der Börsenverein „einen wissenschaftlichen Schriftsteller, anschaulich schreibenden Biographen und stilsicheren Essayisten, der durch Wort und Tat belegt, dass zwischen Verhalten und Wissen, zwischen Moral und Wissenschaft ein unauflöslicher Zusammenhang besteht“, heißt es in der Begründung. Er habe den „handelnden Intellektuellen“ in der Geschichte gesucht und ihn als einen Typus beschrieben, der für das Gemeinwohl einsteht.

Während seines Rektorats sei das „Wissenschaftskolleg zu Berlin“ zu dem „vielleicht anregendsten und freiesten Ort Europas, zu einer Begegnungsstätte von westlicher Rationalität und östlicher Weisheit, von Kunst und Wissenschaft, zu einer Heimstätte für moderne Musik und Literatur“ geworden; an die Stelle des Drohbildes vom „Zusammenprall der Kulturen“ habe er das Hoffnungsbild kultureller Lerngemeinschaften gesetzt und sie in seinem Umkreis beispielhaft begründet.

Wolf Lepenies wurde am 11. Januar 1941 im ostpreußischen Deuthen (Allenstein) geboren und wuchs nach dem Krieg in Koblenz auf. Das Studium der Soziologie und Philosophie schloss er 1967 in Münster mit der Dissertation „Melancholie und Gesellschaft“ ab, die 1969 auch als Buch erschien. 1970 habilitierte er sich an der Freien Universität Berlin. Von 1977 an forschte Lepenies als Directeur d’études associé an der Pariser Maison des sciences de l’homme. Nach einem ersten Aufenthalt im Jahr 1979/80 wurde er 1982 Mitglied der School of Science am renommierten Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey. Das Angebot, dort als Ständiges Mitglied zu bleiben, lehnte er ab und nahm stattdessen 1984 eine Berufung an das Wissenschaftskolleg zu Berlin und ordentlicher Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin an. Dem Institut in Princeton blieb er durch regelmäßige Forschungsaufenthalte verbunden. 1991/92 war Lepenies Inhaber der Chaire européenne am Collège de France in Paris.

1986 übernahm Wolf Lepenies die Leitung des Wissenschaftskollegs zu Berlin und erkannte nach den Umbrüchen 1989 die Notwendigkeit, sich auf ein gemeinsames Lernen mit dem Osten einzulassen und die überkommenen westlichen „Belehrungsgesellschaften“ wieder in fruchtbare „Lerngesellschaften“ umzuwandeln. Mit dieser Zielsetzung setzte er sich mit dem Wissenschaftskolleg in den 1990er Jahren für die Erneuerung und Stärkung lokaler Wissenschaftseinrichtungen im Ausland ein. 2001 übergab Wolf Lepenies sein Amt an der Spitze des Wissenschaftskollegs an Dieter Grimm und blieb dort als »Permanent Fellow« und bis zu seiner Emeritierung 2006 als Professor an der Freien Universität engagiert.

In seinen eigenen Forschungsarbeiten setzte sich Wolf Lepenies mit den Chancen und Grenzen intellektuellen Engagements auseinander. Mit seinen Werken „Melancholie und Gesellschaft“ (1969) und „Das Ende der Naturgeschichte“ (1976) lieferte er wichtige Beiträge zum Selbstverständnis der Moderne. 1981 gab er das vierbändige Werk „Geschichte der Soziologie“ mit Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität dieser Disziplin heraus. Als sein Hauptwerk gilt die Studie „Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft“ (1985) über die Entstehung der Sozialwissenschaften und ihre nationaltypischen Besonderheiten in England, Frankreich und Deutschland. 2006 veröffentlichte er „The Seduction of Culture in German History“. Sein neuestes Buch „Kultur und Politik. Deutsche Geschichten“ ist im Juli erschienen.

Geehrt wurde Wolf Lepenies unter anderem mit dem Alexander-von-Humboldt-Preis für seine Verdienste um die deutsch-französische wissenschaftliche Zusammenarbeit (1984), Karl-Vossler-Preis (1998), Leibniz-Ring (1998), Joseph-Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften für sein Lebenswerk (1998), Theodor-Heuss-Preis gemeinsam mit Andrei Pleşu für ihr europa- und demokratiepolitisches Engagement (2000) sowie mit der Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (2003).

Wolf Lepenies ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Fritz Thyssen Stiftung Köln, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der American Academy of Arts and Sciences, der Académie Universelle des Cultures (Paris), der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Academia Europaea (London), des Aspen Institute (Berlin), der Deutschen Nationalstiftung, der Royal Swedish Academy of Sciences und der Royal Swedish Academy of Literature, History and Antiquities (beide Stockholm). Er ist Ehrendoktor der Pariser Sorbonne, Offizier der Französischen Ehrenlegion, Inhaber des Offizierskreuzes des Verdienstordens der Republik Ungarn und Kommandeur des schwedischen Königlichen Nordsternordens.

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