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HANNOVER. Aus einem der größten Nachlässe der Geistesgeschichte, den 200.000 Blatt umfassenden Handschriften des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), sind kürzlich zwei neue Bände des Briefwechsels in Hannover präsentiert worden. Die Bände erschließen Material, das zu 75 Prozent bisher nicht der Öffentlichkeit zugänglich war, und erhellen u. a. Geheimaktionen von Leibniz, die dieser selbst so geschickt verschleiert hat, dass sie erst jetzt ans Licht gekommen sind.
Die Mission war heikel. Während das heimische Fürstenhaus in Hannover um den Anspruch auf die englische Thronfolge rang und daher protestantische Bekenntnistreue beteuerte, reiste der Untertan Leibniz heimlich nach Wien, zum einen, um über eine Übernahme in den Dienst des Kaisers zu verhandeln; zum anderen, um mit Vertretern der katholischen Kirche über die Vereinigung der Konfessionen zu sprechen. Und seine Bemühungen um einen autoritätsfreien, rationalen Diskurs waren dort so erfolgreich, dass selbst die päpstliche Kurie von ihnen Notiz nahm. Doch Leibniz verwischte seine Spuren dabei so erfolgreich, dass die Nachwelt erst jetzt mit der schrittweise durchgeführten Edition und Veröffentlichung seines Nachlasses von diesen Aktionen hinter den Kulissen erfährt.
Es ist Band I.19 (September 1700 bis Mai 1701) des Leibniz-Archivs in Hannover, in dem diese Geheim-Verhandlungen erhellt werden. Die von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen betreute und über das Akademienprogramm finanzierte Forschungsstelle widmet sich unter anderem mit der Reihe I des Nachlasses dem allgemeinen, dem politischen und dem historischen Briefwechsel.
Denn an Leben und Werk von Gottfried Wilhelm Leibniz lässt sich exemplarisch der Modernisierungsprozess verfolgen, der im 17. Jahrhundert den größten Teil Europas erfasste. Wer ein farbiges Bild davon bekommen möchte, wie große politische Umwälzungen bei den Menschen im Lande ankommen, wie das, was später „Geschichte“ ist, als gegenwärtiger Prozess mit unsicherem Ausgang erfahren und gleichzeitig auf hohem Reflexionsniveau kommentiert wird, der findet in dem neuen Band reichlich Material. Kurzfristige Ereignisse wie die europäische Krise um die spanische Thronfolge, die preußische Königskrönung, der englische Parlamentsbeschluss zur Festlegung des hannoverschen Anspruchs auf die Thronfolge werden zum Auslöser langfristiger Entwicklungen, werden Gerüchte von den Ereignissen überholt, diplomatische Verhandlungen von Machtdemonstrationen. Dies alles spiegelt sich in den 391 Briefen. Doch Leibniz reflektierte nicht nur, sondern versuchte auch zu agieren. Sein Rat, verdeckt zu agieren, wurde in den Verhandlungen des Hauses Hannover um die englische Thronfolge gehört und führte zum Erfolg. Auch für andere Fürstenhäuser wurde er tätig er verfasste anonyme Gratulationsschriften zur preußischen Königskrönung und reiste eben auch in heikler Mission nach Wien.
Weitere Themen, die Leibniz beschäftigten, waren der Kulturaustausch mit China, Universitätsreformen in Deutschland und nicht zuletzt die ersten Schritte der neu gegründeten Brandenburgischen Societät, die er als Präsident zu einem Brennpunkt neuer Forschung machen wollte.
Die Leibniz-Forschungsstelle der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster hat unterdessen den bislang einzigen Briefband der philosophischen Korrespondenz von Leibniz, der die philosophischen Briefe von 1663-1685 umfasst, in einer erweiterten und völlig neu bearbeiteten Auflage publiziert. Dieser Band, dessen erste Auflage 1926 aus wissenschaftspolitischen Gründen als reine Textausgabe erschien, ist um weitere Briefe, umfangreiche wissenschaftliche Apparate und Register ergänzt worden und genügt nunmehr allen wissenschaftlichen Anforderungen.
Gerade dieser Briefband ist von besonderem Interesse, weil hier der junge Leibniz der am Ende seines Lebens auf 15.000 Briefe mit 1100 Briefpartnern zurückblicken sollte die ersten Beziehungen zu berühmten Persönlichkeiten seiner Zeit knüpft. Zu seinen Korrespondenten zählen die Philosophen Hobbes, Spinoza, Malebranche und Jakob Thomasius, Naturwissenschaftler wie Christiaan Huygens oder Velthuysen, Juristen und Staatsmänner wie Pufendorff, Conring, Wedderkopf oder von Seckendorff, Theologen wie der berühmte Jansenist Arnauld und viele andere mehr, die er bei den beiden großen europäischen Akademien, der „Académie Royale des sciences“ in Paris und der „Royal Society“ in London, auch persönlich kennenlernte.
Es werden die großen Themen des Leibnizschen Denkens sichtbar: eine Grundlagenanalyse in der Jurisprudenz und Naturphilosophie, die Grundlegung der Wissenschaften durch eine allgemeinverbindliche Sprache und Methode, die Neubestimmung einer sich an Descartes entzündenden und durch eine bessere Methodik begründeten Metaphysik, die sich von der christlichen Vorstellung des auf das Gute ausgerichteten Gottes leiten lässt. Dabei wird deutlich, dass Leibniz die Grundlagenforschung in Wissenschaft und Philosophie nicht um ihrer selbst willen betrieb, sondern sich stets an der praktischen Nützlichkeit und politischen Wirksamkeit orientierte und einen ausgeprägten Sinn für das Gemeinwohl bewies. Sein Wahlspruch „theoria cum praxi“ spiegelt sich gerade im Briefwechsel des jungen Leibniz wider und weisen ihn als das Gegenteil eines Philosophen im Elfenbeinturm aus.
Die Bände erschienen im Rahmen der Anfang des letzten Jahrhunderts gegründeten historisch-kritischen Leibniz-Akademieausgabe. Die Leibniz-Edition unter der Obhut der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat Arbeitsstellen in Hannover, Münster, Potsdam und Berlin. Diese werden über das Akademienprogramm finanziert.
Der glückliche Umstand, dass fast der gesamte handschriftliche Nachlass von Leibniz erhalten geblieben ist, macht es möglich, die Leibniz’schen Gedanken bis zu ihrer ersten Entstehung zu verfolgen. Damit wird die Arbeit an der Edition aber auch zu einer besonders mühsamen und akribischen Aufgabe, die neben Sach- und Sprachkompetenz den Editoren auch detektivische Fähigkeiten bei der Texterstellung der überwiegend in Latein und Französisch geschriebenen Stücke abverlangt.
Kontakt
Ulla Deppe
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
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