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Von Dr. Johannes Schnurr
HEIDELBERG. Manchmal reicht ein kleiner Olivenast aus, um einen wissenschaftlichen Disput zu entscheiden zumindest wenn er bei einem lange vergangenen Vulkanausbruch in Santorin verschüttet wurde und damit zu einem Fixpunkt zur Datierung vieler spätbronzezeitlicher Kulturen wird. Der Antike fehlen 100 Jahre, hat er gezeigt. Eine Erkenntnis, die nicht nur in „Science“ publiziert wurde, sondern auch einem Forschungsprojekt des Akademienprogramms ungeahnte Aufmerksamkeit zukommen ließ.
Unzweifelhaft war es ein Ereignis, das die antike Welt erschütterte: Der Vulkanausbruch von Santorin. Nach der Eruption regnete es tonnenschwere Felsbrocken, ein weites Gebiet im östlichen Mittelmeer wurde meterhoch mit Asche bedeckt, die Küste Kretas von einem gewaltigen Tsunami überrollt. Nach dieser Katastrophe war die minoische Kultur ausgelöscht. Als folgenschwer erwies sich dieses Ereignis für den gesamten Mittelmeerraum, und sogar bis nach China und Amerika sind Fernwirkungen auf das Klima nachweisbar.
Ein tragisches Unglück für die damaligen Mittelmeeranrainer, ein spätes Glück gleichwohl für die Archäologie: Mit der sich nach dem Ausbruch weiträumig verteilenden Ascheschicht existiert eine einzigartige Zeitmarke. Sie ermöglicht als zeitlicher Fixpunkt eine Datierung vieler spätbronzezeitlicher Kulturen. Einiges hängt also für die Geschichtsschreibung von der exakten Datierung eben dieser Schicht ab.
Doch wie kann sie bestimmt werden, mit welchen Methoden, durch welche Disziplin? An der Datierung des Ausbruchs von Santorin entbrannte in den letzten Jahrzehnten ein heftiger Streit um Deutungshoheit zwischen den Fächern. Während die Historiker anhand der ägyptischen Königslisten und astronomischer Konstellationen einen Zeitraum von 1530 bis 1500 v.Chr. als Ereignishorizont angeben, deuteten die Daten aus grönländischen Bohrkernen auf einen Ausbruch im 17. Jahrhundert vor Christus.
Wenn ein Olivenzweig einen langen Disput entscheidet
Unerwartet wurde dieser Disput nun jüngst durch einen Olivenast entschieden. Ein dänischer Geologiestudent fand ihn bei einer Exkursion auf Santorin. Das Holzstück gehörte zu einem Baum, der vor 3500 Jahren von der Ascheschicht begraben wurde. Dank einer gemeinsamen Untersuchung des Paläobotanikers Dr. Michael Friedrich (Methode: Jahrringzählung im Computertomogprahen) und Dr. Bernd Kromer (Methode: Radiokarbon-Datierung), beide Mitarbeiter der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (HAW), konnte nun Klarheit geschaffen werden: Die Explosion ereignete sich zwischen 1627 und 1600 vor Christus.
Für die Antike fehlen damit 100 Jahre in der Zeitrechnung zumindest in Teilen müssen die Geschichtsbücher umgeschrieben werden. Damit hatten zwei Forscher der Heidelberger Akademie der Wissenschaften eine nicht unbeachtliche Forschungsleistung vollbracht. Das Ergebnis wurde erstmals in „Science“ publiziert.
Wie, so stellt sich die Frage für eine Pressestelle, kann diese Nachricht verwertet werden? Wie kann es gelingen, die zu erwartende Publizität für das Profil der Akademien und ihr Akademienprogramm zu nutzen? Über welche Kanäle und in welcher Form soll die Nachricht verbreitet werden? Tatsächlich stellte unter dem Aspekt der PR die „Wissenschafts-Story“ Santorin-Ausbruch auch insofern eine interessante Nachricht dar, als sich an ihr einige typische Momente hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung der Akademien zeigten.
Pressemitteilung als streng reglementierte Textsorte
Zunächst war es das Verdienst Herrn Kromers, dass er die geplante Publikation in „Science“ rechtzeitig der Pressestelle meldete. Entscheidend für den Erfolg in den Medien ist neben der Bedeutsamkeit eben auch die Aktualität einer Nachricht. Wird die Pressestelle zu spät informiert, kann sie nicht mehr adäquat handeln. Die Nachricht wird dann nicht als besondere Leistung der Forschungseinrichtung erkannt. Im Gegenteil fällt eine unterlassene oder zu spät publizierte Mitteilung negativ auf die Institution zurück. Kommt dies mehrfach vor, sinkt die Aufmerksamkeit der Presse an der Einrichtung spürbar. Sie kommt in den Ruf, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, eine Einschätzung, welche mittelbar auf das Ansehen der erbrachten Forschungsleistungen durchschlägt.
Außerdem lieferte Herr Kromer in Absprache mit seinen Kollegen im Vorfeld hochwertige Fotos zu. Wird bereits in einer Pressemitteilung ansprechendes Bildmaterial digital angeboten, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des Abdrucks in der Presse um ein Vielfaches. Auch die sprachliche Form der Verbreitung ist entscheidend. Wird eine Pressemitteilung in einer von Fachbegriffen überbordenden Sprache präsentiert, so entgeht sie oft der Aufmerksamkeit. Eine Pressemitteilung ist eine streng reglementierte Textsorte. Missachtet sie die branchenüblichen Spielregeln, wandert sie in aller Regel unmittelbar in den Papierkorb der Wissenschaftsjournalisten.
Wer muss mit ins Boot?
Als ein weiteres Problem bei Präsentation der Santorin-Geschichte erwies sich die Beteiligung mehrerer, auch internationaler Forscher. Es musste vorab en detail geklärt werden, welcher Forscher mit der Nachricht welchen nationalen Nachrichtenmarkt bedienen durfte. Desweiteren hat die Forschungsstelle „Radiometrie“ der HAW, bei der Herr Kromer beschäftigt ist, ihren Sitz am Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg, die bei der Veröffentlichung also legitimerweise mit im Boot sein musste. Herr Friedrich, wenn auch Mitarbeiter der HAW, arbeitet am Institut für Botanik der Universität Hohenheim. Auch sie musste nun in der Pressemitteilung genannt werden. Es galt also die Rangverhältnisse innerhalb der wissenschaftlichen Einrichtungen vor der Publikation zu klären und die jeweiligen Ansprechpartner in exakter Reihenfolge zu listen.
Von besonderer Wichtigkeit ist auch die Frage, welcher Pressesprecher/-referent zu welchem Zeitpunkt welchen nationalen Verteiler beliefern darf. Diejenige Einrichtung, die als erste an die Öffentlichkeit geht, wird in der Regel auch als diejenige wahrgenommen, die die wissenschaftliche Leistung erbringt. Hier kam, nach Absprache aller Beteiligten, die HAW als erste beim größten deutschen Wissenschaftsverteiler zum Zuge, die Universitäten Heidelberg und Hohenheim belieferten zeitgleich ihre Spezialverteiler. Nach Diskussion der „Science“-Sperrfristvermerke (man beachte: London Time ist nicht Eastern Time ist nicht MESZ) wurde die Pressemitteilung verschickt.
Enorme Medienresonanz
Tatsächlich war die Resonanz enorm: In nahezu allen größeren Medien und mehreren Dutzend Regionalzeitungen wurde über die Neudatierung berichtet. Verwendet wurde fast ausnahmslos das durch die Pressestelle bereitgestellte Informationsmaterial, teilweise bis in den Wortlaut hinein. Zum Leidweisen der Heidelberger Akademie jedoch wurden in vielen Zeitungen die beteiligten Forscher einzig den Universitäten zugeschlagen, obwohl Herr Kromer ausdrücklich darauf hinwies (etwa gegenüber Spiegel Online), einer Forschungsstelle der Akademie anzugehören.
Hieraus lassen sich einige interessante Schlussfolgerungen für die Pressearbeit der Akademien ziehen: a) bei aktiver Öffentlichkeitsarbeit können die Akademien durchaus den gleichen impact wie die DFG, die MPG oder andere große wissenschaftliche Einrichtungen erzielen, b) systematische Erfolge sind nur durch die enge informelle Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler und Öffentlichkeitsarbeit zu erreichen, c) vielen Wissenschaftsjournalisten sind die Akademien immer noch kein Begriff, d) durch den Wegfall der Naturwissenschaften wird das Profil der Akademien künftig deutlich verlieren.
Fazit: Auch wenn die Akademien in der Wahrnehmung der Medien zunehmend Boden gut zu machen scheinen, sind sie von einem klaren Profil noch ein gutes Stück entfernt. Dass sich dies jedoch durch eine planvolle Öffentlichkeitsarbeit ändern lässt, hierfür war die benannte Wissenschaftsgeschichte ein, zumindest in weiten Teilen, aussagekräftiges Beispiel.
Kontakt
Dr. Johannes Schnurr
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Karlstr. 4
69117 Heidelberg
Tel.: 06221 / 54 34 00
johannes.schnurr@urz.uni-heidelberg.de
www.haw.baden-wuerttemberg.de
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