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Sämtliche Werke
Zur Geschichte der Jean-Paul-Edition

POTSDAM. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Literaturwissenschaftler Eduard Berend (1883-1973) den Grundstein für eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Jean Pauls gelegt: Er sammelte die überlieferten Lebenszeugnisse und Druckwerke und begann, den riesigen Nachlass zu erschließen. Schnell wurde ihm klar, wie sehr für diesen Autor „Briefstellerei und Schriftstellerei“ zusammenhingen: „Diesem merkwürdigen Menschen war eben Kunst zur zweiten Natur, Dichten zum Leben, Bewusstheit zum Instinkt geworden, es ist der Schlüssel zu seinem Wesen, zu begreifen, dass diese Gegensätze für ihn keine waren.“ Doch Berends Bemühungen standen unter keinem guten Stern.


Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, musste Berend als jüdischer Wissenschaftler die Edition aufgeben und konnte nur die Abschriften des Briefkorpus ins Schweizer Exil retten. Und auch wenn Berend sein Ziel, Jean Paul einen Platz im Pantheon der deutschen Dichtung neben Goethe und Schiller zu sichern, noch nicht erreicht hatte – ein Anfang war mit der Edition gemacht. Von 1922 bis 1926 hatte er zunächst vier Bände Briefe herausgegeben – etwa die Hälfte des erhaltenen Materials. Von 1927 bis 1938 erschienen insgesamt 20 Bände Werke und Nachlass Jean Pauls. Das Manuskript der bereits weitgehend fertiggestellten Apparatbände ging während des Zweiten Weltkrieges in Berlin verloren.

Nach 1945 war das Vorhaben abermals gefährdet: Zwar wurde 1948 der Vertrag zwischen Eduard Berend und der „Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin“ neu geschlossen, doch der handschriftliche Nachlass lagerte nun in der Sowjetunion – und kehrte erst 1958 nach Berlin zurück. Auch die Briefe aus den Beständen der Staatsbibliothek waren für ihn unerreichbar. Sie wurden während des Krieges nach Schlesien transportiert, um sie vor den Bombenangriffen auf Berlin zu schützen. Später waren sie im polnischen Krakau zunächst nicht für die Forschung einsehbar. Berend musste sich daher auf sein eigenes Material beschränken – und legte dennoch zwischen 1952 und 1964 eine komplette, neunbändige Edition von Jean Pauls Briefen im Ostberliner Akademie-Verlag vor. Die Edition von Werken und Nachlass hingegen konnte er nicht vollenden. Sie wird seit den 1980er Jahren, heute unter der Leitung von Helmut Pfotenhauer, an der Universität Würzburg fortgeführt.

Den Briefen an Jean Paul widmete sich erst wieder die an der „Akademie der Wissenschaften der DDR“ arbeitende Germanistin Dorothea Böck Ende der 1980er Jahre. Sie erschloss die nunmehr in Krakau wieder zugänglichen Quellen neu, entwickelte Konzepte für eine Edition und etablierte Anfang der 1990er Jahre das Vorhaben einer wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Briefe an Jean Paul. Die Projektleitung der neuen Arbeitsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften übernahm einer der führenden Editions-Spezialisten: Prof. Dr. Hans-Henrik Krummacher aus Mainz. In einer ersten Projektphase wurden alle überlieferten Briefe an Jean Paul gesammelt, transkribiert und anschließend die Richtlinien der Edition erarbeitet.

Die heute von dem Berliner Literaturwissenschaftler und Akademiemitglied Norbert Miller betreute Edition erschließt einen bislang weitgehend unbekannten Quellenfundus. Von den etwa 2200 Briefen von annähernd 400 Korrespondentinnen und Korrespondenten war zuvor nur ein Drittel bekannt – vorwiegend durch Publikationen aus dem 19. Jahrhundert. Und selbst diese waren oft so stark redaktionell überarbeitet und gekürzt, dass sie heutigen Editionsrichtlinien nicht mehr genügen. Von Fehlern wie falschen Daten oder falsch aneinander gefügten Briefteilen gar nicht zu reden. Das soll nun der Vergangenheit angehören: Im Herbst erscheint der nunmehr dritte Band mit den Briefen an Jean Paul aus den Jahren 1797 bis 1799.

Die Jean-Paul-Edition ist ein Projekt im Akademienprogramm und wird an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Potsdam bearbeitet.

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