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POTSDAM. Wenn man die Briefe seiner Bewunderinnen liest, kann man den Seufzer förmlich hören. „Der versteht mich!“, scheint so manche Frau angesichts Jean Pauls empfindsamer Texte gedacht zu haben. Für ihn hatte das durchaus Vorteile: Durch die Verbindungen der adeligen, gut gebildeten Frauen machte der Pfarrerssohn so manche Bekanntschaft, die ihm wohl sonst verwehrt geblieben wäre.
Sie hatten es nicht leicht, die Frauen aus den höheren Ständen. Doch in den Jahren um 1800 begann sich langsam ihr prosaischer Alltag zu wandeln, die Enge ihrer Welt nicht mehr so drückend zu sein: „Wir sehen hier sozial besser gestellte Frauen, die sich aus unglücklichen Ehen verabschieden und nach besseren Entfaltungsmöglichkeiten suchen“, sagt Monika Meier, die Arbeitsstellenleiterin der von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Potsdam bearbeiteten und über das Akademienprogramm geförderten „Jean-Paul-Edition“.
In den halböffentlichen Salons der Zeit eigneten sie sich neue Handlungsspielräume an. Und sie schrieben selbst. In Jean Paul, dem nahezu unmännlichen Poeten mit seinem romantisch-verspielten Stil, meinten sie einen Bundesgenossen gefunden zu haben und entwickelten nach der Lektüre seiner Schriften ein heftiges Verlangen danach, den Dichter kennenzulernen. „Da hat wohl manche gedacht: Endlich einer, der mich versteht!“, sagt Meier.
Tatsächlich redete Jean Paul in seinen Büchern die Leserinnen besonders an. Diesen Dialog setzte er nicht selten per Brief fort, testete empfindsame Texte zunächst an Korrespondentinnen. „Es gibt die These, dass er sich praktisch als Erweiterung seiner Autor-Kompetenz die weibliche Position anzueignen versuchte“, erläutert Meier das Vorgehen. „So konnte er sich als jemanden darstellen, der alle menschlichen Empfindungen kennt, sie alle beschreiben kann und versteht.“
Beschwichtigungstaktiken und Ausflüchte
Das Verhältnis zu den schreibenden Freundinnen lasse sich besonders gut an dem im Herbst erscheinenden Band nachvollziehen, der die Jahre von 1797 bis 1799 umfasst. Nach seinem Durchbruch mit dem „Hesperus“, einem der erfolgreichsten Romane der Zeit, fliegen ihm die Herzen zu. So sehr, dass er immer wieder Beschwichtigungstaktiken und Ausflüchte suchen muss. Sie hätten ja seine Bücher. Charlotte von Kalb gibt er gar ein Eheversprechen und löst es wieder. Ähnlich ergeht es Emilie von Berlepsch.
Gleichzeitig haben diese Frauen durch ihre gesellschaftliche Herkunft, ihre soziale Stellung, ihren Bildungshintergrund und zum Teil ihre Reputation in der literarischen Welt für Jean Paul einige Anziehungskraft. Durch den Briefwechsel mit Charlotte von Kalb, einer Freundin von Goethe und Schiller, hatte sich sogar die Möglichkeit ergeben, Weimar zu besuchen und damit das geistige Umfeld Herders, Goethes, Schillers und Wielands zu erkunden.
Im Briefsalon bleibt nichts privat
Auf eines jedoch kann keine der Verehrerinnen hoffen: Diskretion. „Nicht wahr, niemand, niemand sieht meine Briefe?“, schreibt Charlotte von Kalb am 28.3.1796 als Schlusssatz an Jean Paul. Sie selbst verbrennt später die Briefe, die sie von ihm erhalten hat. Doch „eine solche Forderung war völlig indiskutabel für ihn. Alle Briefe, die Jean Paul erhielt, bekam auch sein engster Freund Christian Otto zu lesen. Und meist nicht nur er“, sagt Monika Meier. Briefe waren für ihn nichts rein Privates, sondern eine Art brieflicher Salon. Sie zirkulierten wie selbstverständlich unter Freunden. Und damit auch die Ideen, die poetischen Formulierungen und mitunter gänzlich private Mitteilungen. Jeder wusste das. Und die Bitte der Charlotte von Kalb war fast schon ein Verstoß gegen die Regeln.
Es war nicht ihre einzige Klage: „Die Stellen in Ihren Schriften über Weiber haben meist einen kleinen Irrthum“, schreibt sie einmal dem verehrten Schriftsteller. Die Frauenfiguren erschienen ihr zu überirdisch tugendhaft. Was Jean Paul ihr antwortete, ist nicht überliefert. Einem Freund gegenüber jedenfalls beschwert er sich, ihr „Einmengen in mein ästhetisches Leben“ ginge ihm zu weit.
Dabei war Austausch über die Literatur ein bedeutender Teil seines „Briefsalons“ eine besondere Spielform der damaligen Salonkultur. Hier machte er Freunde, Kollegen und Bewunderer gezielt miteinander bekannt, initiierte Briefwechsel, ließ sich ihre Briefe schicken und kommentierte sie.
Ein stetig wachsender Kreis von Korrespondenten und postalischen Gästen
„Epistel-Salon“ nannte dies Dorothea Böck, die die Edition der Briefe an Jean Paul begründet hat. In einem Aufsatz zu dem Thema beschreibt sie diesen Brief-Club als eine Gesellschaft von guten Freunden, die seit den 1790-er Jahren statt Gespräche miteinander zu führen, Briefe schreiben. Es habe sich mit der Zeit ein fester, konzentrisch hierarchisierter und stetig wachsender Kreis von Brief-Gesprächsteilnehmern und postalischen Gästen herauskristallisiert. Der Kern: Jean Pauls langjähriger Freund Christian Otto, der Finanzkaufmann und Grundstücksmakler Emanuel Osmund und der Violinist und Altphilologe Paul Emile Thierot; dazu die Familie Herder, weitere Freunde und Freundinnen wie Henriette von Schlabrendorff und andere. Böck sieht den „Epistel-Salon“ insofern als dem Levin-Varnhagenschen Nachlass vergleichbar.
„Die Frauenbriefe bieten uns heute einen guten Einblick, wie sich die Biographien von schreibenden Frauen sowie ihr Alltag in dieser Umbruchszeit nach der Aufklärung und der Französischen Revolution wandelten“, sagt Monika Meier. „Und wie sie ganz aktiv am philosophischen Diskurs teilgenommen haben. Schließlich brodelte es in den deutschen Fürstentümern, Selbstverständliches wurde in Frage gestellt.“ Außerdem werfe der Briefsalon ein Licht auf die große literarische Tätigkeit um Jean Paul herum und auf die Rezeption seiner Werke. „Das ist Literaturgeschichte in einem breiteren Strom.“
Und für Jean Paul waren die Korrespondenzen Testfeld und Steinbruch zugleich. Er zögerte nicht, das Leben seiner Freunde in seine Werke einfließen zu lassen. Auch sein eigenes Leben versuchte er gar nicht erst von der schriftstellerischen Tätigkeit zu trennen. Schreiben und Leben waren für ihn unauflöslich verbunden, Bücher letztlich auch nur längere Briefe.
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