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Gar nicht klassisch
Wer war Jean Paul? Zu Leben und Werk eines „antiklassischen Klassikers“.

Die Briefe an Jean Paul sind das Eine. Doch wo hat er all diese Menschen getroffen? Wie sind sie auf ihn aufmerksam geworden? Ein kleiner Blick in Biographie, Werk und Wirkung eines Goethe-Zeitgenossen.


Johann Paul Friedrich Richter (Pseudonym „Jean Paul“, mit Referenz auf Jean Jacques Rousseau) wurde am 21. März 1763 in Wunsiedel als Sohn des Lehrers und Organisten Johann Christian Christoph Richter und der Tuchmacherstochter Sophie Rosine geb. Kuhn aus Hof geboren. Zwei Jahre später wurde sein Vater Pfarrer in Joditz, 1776 übernahm er die Pfarrei in Schwarzenbach an der Saale. Von der Schwarzenbacher Schule wechselte Jean Paul 1779 an das Gymnasium in Hof, wo er seine Jugendfreunde Adam Lorenz von Oerthel, Johann Bernhard Hermann und Christian Otto kennenlernte.

Erste „Übungen im Denken“

Schon während der Schulzeit kam Jean Paul mit dem Gedankengut der Aufklärung in Berührung – besonders durch den etwa zehn Jahre älteren Erhard Friedrich Vogel, Pfarrer in Rehau, und den Schwarzenbacher „Zirkel ... aufgeklärter Männer“. Er bildete sich autodidaktisch weiter, trug sein umfangreiches Bücherwissen in Exzerptheften zusammen und begann zu schreiben. Neben den Schulreden sind unter anderem Aufsätze, vorwiegend zu philosophischen Themen, überliefert. Einige davon fasste Jean Paul als „Übungen im Denken“ zusammen und gab sie Pfarrer Vogel zu lesen.

Bereits 1779 starb sein Vater und die Familie verarmte. So zog 1781 der angehende Schriftsteller, gemeinsam mit seinem Freund Oerthel und ausgestattet mit einem Armutszeugnis des Hofer Rektors Georg Wilhelm Kirsch, an die Universität in Leipzig.

Dort beginnt der Wandel des mittellosen Pfarrerssohnes und Theologiestudenten Johann Paul Friedrich Richter zum erfolgreichen Schriftsteller „Jean Paul“. Der enzyklopädisch interessierte Leipziger Student, der schon bald sein „Brodstudium“ aufgibt und auf ein anderes „Mittel“ des Gelderwerbs sinnt, sucht zunächst als Autor von Satiren sein Publikum. Eine Sammlung von zwei Bänden „Grönländische Prozesse, oder Satirische Skizzen“ erscheint 1783 bei dem angesehenen Berliner Verleger Christian Friedrich Voß, der ihm ein stattliches Honorar zukommen lässt. Doch der Absatz seiner Texte gerät ins Stocken. Jean Paul kehrt 1784 verschuldet in seine oberfränkische Heimat zurück und lebt für etwa zehn Jahre mit einigen seiner jüngeren Brüder bei der Mutter in Hof und als Haus- bzw. Privatlehrer in Töpen und Schwarzenbach an der Saale.

Von der brotlosen Existenz zum Bestseller-Autor

Von Zeit zu Zeit wird ein Beitrag von „J.“, später „J. P. F. Hasus“ in Johann Wilhelm von Archenholtz' Zeitschrift „Litteratur und Völkerkunde“ veröffentlicht, ein weiterer erscheint, vermittelt durch Caroline Herder, im „Deutschen Museum“. Freunde in Rehau und Schwarzenbach nehmen Artikel Jean Pauls in ihre „Raffinerien für raffinirende Theologen“ oder „Mixturen für Menschenkinder aus allen Ständen“ auf, eine Wortmeldung von „R.“ bringt auch das „Höfer Intelligenzblatt“. Nach zahlreichen vergeblichen Bemühungen findet sich schließlich in Christoph Friedrich Bekmann ein Verleger für die zweite große Satirensammlung: Die „Auswahl aus des Teufels Papieren“ erscheint 1789 bei dem wenig bekannten Geraer Verlagsbuchhändler und Leihbibliothekar, der für das umfangreiche Werk nur ein geringes Honorar aufbringt.

In der langjährigen Periode ohne anhaltende äußere Erfolge entwickelt Jean Paul neue Schreibstile und -konzepte, so dass am Ende dieses Zeitraums binnen eines Jahres (von März 1791 bis Februar 1792) sein erster großer Roman entsteht. Von Karl Philipp Moritz begeistert aufgenommen und an den Berliner Verleger Carl Matzdorff vermittelt, wird „Die unsichtbare Loge. Eine Biographie“ (erschienen 1793) nicht nur großzügig honoriert. Mit ihr gewinnt Jean Paul eine wachsende Lesergemeinde, die den Autor des „Hesperus“ (1792 bis 1794 geschrieben, 1795 wiederum von Matzdorff veröffentlicht) zu einem der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit werden lässt.

Das kunstvolle System, mit dem in den Romanen vom Erzähler „Jean Paul“ auf den Autor der Texte verwiesen wird, trägt zu der besonderen Verehrung bei, die die Leserinnen und Leser auch der Person des Autors entgegenbringen. Der Kreis der Korrespondenzen erweitert sich, neue Freundschaften und Bekanntschaften werden geknüpft, der Weg nach Weimar ist geebnet, in den Berliner Salons wie an den Höfen kleiner und großer Residenzstädte wird „Jean Paul“ erwartet.

Umringt von Verehrerinnen

Mit dem Ruhm öffneten sich die Türen: Auf Einladung seiner Verehrerin Charlotte von Kalb besuchte Jean Paul 1796 Weimar und wurde dort respektvoll aufgenommen. Allein das Verhältnis zu den „Klassikern“ Goethe und Schiller blieb eher distanziert. Zwei Jahre und eine stattliche Anzahl literarischer Werke später (u.a. „Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein“ 1797, Band 2 und 3 des „Siebenkäs“ 1797, „Das Kampaner Thal“ 1797) wurde Jean Paul, nachdem er für ein Jahr in der Buchhandelsmetropole Leipzig gelebt hatte, selbst zum „Weimarer“. Und seit seinem Weggang aus Hof im Herbst 1797 häufen sich nun auch die erotischen Verwicklungen, die ihn Zeit seines Lebens begleiteten: Er verlobte sich binnen weniger Monate mit Emilie von Berlepsch, Charlotte von Kalb und Caroline von Feuchtersleben – und er entlobte sich wieder. Im Frühsommer 1800 lernte er auf einer Reise nach Berlin Caroline Mayer, die Tochter eines Juristen und preußischen Beamten kennen, die er ein Jahr später heiratete.

Die Berlin-Reise hat Jean Paul auf den Höhenkamm seines Ruhms geführt: Die preußische Königin Luise – ihr und ihren „Schwestern auf dem Thron“ hatte er den Roman „Titan“ (1800–03) gewidmet –, zeigte sich ihm als begeisterte Leserin seiner Werke. Und die verschiedenen Berliner Kreise, Freundinnen und Freunde stritten sich um seine Gegenwart. Im Oktober 1800 zog Jean Paul ganz in die preußische Metropole, wo er sich, auch aufgrund persönlicher Begegnungen mit Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck und Friedrich Schleiermacher, den Romantikern annäherte.

Die späten Jahre

Nach einem kurzen Intermezzo in Meiningen und Coburg, siedelte Jean Paul 1804 mit seiner Frau und den Kindern Emma und Max, denen als jüngste Odilie folgte, nach Bayreuth um und führte fortan ein äußerlich weniger bewegtes Leben – unterbrochen von einigen Reisen, etwa nach Bamberg, wo er E. T. A. Hoffmann besuchte, oder nach Heidelberg, wo ihm 1817 der Ehrendoktortitel verliehen wurde.

Der Romancier Jean Paul, dessen „Titan“ und „Flegeljahre“ (1804/05) weniger enthusiastisch aufgenommen wurden als der „Hesperus“, trat im 19. Jahrhundert verstärkt als pädagogischer und politischer Schriftsteller an die Öffentlichkeit, mehr als zuvor über Publikationen in Zeitschriften, Taschenbüchern und Almanachen. Vom Publikum geliebt, wurden derartige Beiträge von den Verlegern vergleichsweise großzügig honoriert, und sie ließen sich in Sammlungen wie „Herbst-Blumine“ (1810–20) oder „Politische Fastenpredigten“ (1817) der Leserschaft oft noch ein zweites Mal präsentieren. Aufsehen erregten die „Vorschule der Ästhetik“ (1804), „Levana oder Erziehungslehre“ (1807), aber auch späte Romane und Erzählungen wie „D. Katzenbergers Badereise“ (1809) oder „Der Komet“ (1820–22). Bis auf das Alterswerk „Komet“ erlebten diese Veröffentlichungen zweite Auflagen – ebenso wie die großen Romane der 1790er Jahre.

Die letzten Lebensjahre waren, nach dem frühen Tod des Sohnes Max 1821, von Krankheiten gezeichnet. Jean Paul starb am 14. November 1825 in Bayreuth.

Jean Paul – ein Gegenklassiker

Er selbst sah sich nicht als Gegenklassiker, und auch den Zeitgenossen hat Jean Paul sich nur vereinzelt als Antipode Goethes und Schillers dargestellt. Erst später, besonders als dem 19. Jahrhundert die Weimarer Klassik zum Inbegriff der deutschen Literatur wurde, ist eine solche Opposition stärker wahrgenommen worden, konnte Jean Paul als „Klassiker der Formlosigkeit“ gelten (Hugo von Hofmannsthal). Angesichts der überbordenden, bilderreichen, den Kontrast empfindsamer und satirischer Passagen zelebrierenden Schreibweise Jean Pauls, eines Schreibens, das nicht zum Ende kommt – was im Unabgeschlossenen einzelner Handlungsstränge ebenso deutlich wird wie im Fragmentcharakter einiger der bedeutendsten Werke – fragt die germanistische Forschung heute sowohl nach Momenten, die die Wahrnehmung zweier literarischer Traditionslinien begründet haben, wie nach solchen, die einer klaren Scheidung zwischen „Klassik“ und „Gegenklassik“ zuwiderlaufen.


Die Jean-Paul-Edition ist ein Projekt im Akademienprogramm und wird an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Potsdam bearbeitet.

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