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POTSDAM. Seine Bücher waren Bestseller. Selbst Goethe und Schiller kamen nicht umhin, sie zumindest wahrzunehmen auch wenn die Begeisterung des lesenden Publikums für Jean Paul die beiden Begründer der Weimarer Klassik befremdete. Ein „Chinese in Rom“ sei er, der mit seiner überbordenden Sprache nicht haushalten könne. Die Bewunderer störte es nicht. Etwa 400 Korrespondenten darunter Johann Gottfried Herder, Charlotte von Kalb, die preußische Königin Luise und Rahel Levin Varnhagen schrieben ihm insgesamt mehr als 2200 Briefe. Diese werden derzeit in der Potsdamer Arbeitsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erschlossen. Gefördert wird die Jean-Paul-Edition seit 1992 über das Akademienprogramm der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften.
Wenn man aus dem Büro der Arbeitsstellenleiterin Monika Meier auf den Innenhof am Potsdamer Neuen Markt schaut, hat man das Gefühl, die nächste Postkutsche könnte gleich über das Kopfsteinpflaster um die Ecke poltern und noch mehr Briefe bringen. Jean Paul selbst hat sich derweil im Vorraum postiert. Milde lächelt er von einem Poster herab. Die Sorgfalt, mit der hier seine umfangreiche Korrespondenz geordnet und kommentiert wird, hätte ihm sicher gefallen. Einem Autor, so hat Jean Paul (Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825) am 9. Februar 1795 aus Hof an Emanuel geschrieben, sollte man „für nichts mehr danken als für Briefe“. Und auch die Post an ihn selbst hielt er zumeist in Ehren und wollte sie für die Nachwelt erhalten: „Briefe verbrennen. Nie thät ichs. Alles untergehende Leben kommt wieder; diese Geschöpfe dieses Herzens und Kopfes nie. Durchstreicht die Namen, verwechselt die Handschrift; aber lasset die Seele leben, die gerade in Briefen am innigsten lebt.“
Quellenfundus zur Geistes- und Mentalitätsgeschichte der Zeit um 1800
Mit diesen Briefen an Jean Paul entsteht in Potsdam nun die IV. Abteilung von „Jean Pauls Sämtlichen Werken“. Und verwechselt wird hier nichts. Durchgestrichen erst recht nicht. Solche redaktionelle Bearbeitung war das Manko der Teileditionen aus dem 19. Jahrhundert. Die Briefe besonders interessanter Persönlichkeiten wurden damals einzeln herausgegeben, allzu Persönliches oder vermeintlich Banales weggelassen, mitunter auch schon einmal Wortlaut und Sinn verändert. Erstmals soll der gesamte Briefwechsel vollständig vorgelegt werden sei es nun der Dialog des Autors mit Philosophen seiner Zeit wie Friedrich Heinrich Jacobi oder Johann Gottfried Herder, mit seinen Verlegern, dem Kreis der Heidelberger Romantik oder engen persönlichen Freunden wie Christian Otto und vor allem auch den schreibenden Freundinnen wie Charlotte von Kalb, Rahel Levin Varnhagen oder Emilie von Berlepsch.
Unter den 400 Korrespondenten waren darüber hinaus viele Zeitgenossen, deren Namen heute unbekannt sind. Von ihren Denkweisen und Problemen erzählen einzig die Briefe an Jean Paul und bieten damit einen umfangreichen Quellenfundus zur Geistes- und Mentalitätsgeschichte dieser bewegten Zeit um 1800. „Teilweise reichen die in den Briefen behandelten Themen von Medizin- und Alltagsgeschichte bis hin zu besonders beeindruckenden Vorlesungen von Lichtenberg“, sagt Meier. „Doch natürlich lassen sie vor allem auch unter literaturgeschichtlichen Gesichtspunkten befragen zu Leben, Werk und Rezeptionsgeschichte des Autors bis zu seinen Verhandlungen mit Verlagen.“
Manchmal jedoch ist es für die Editoren nicht einfach, den Texten einen Sinn zu entlocken. Dem heutigen Leser sind dennoch vielerlei Anspielungen fremd egal ob diese Anspielungen privater Natur sind oder sich aus den Diskussionen der Zeit ergeben. Was nur meint Erhard Friedrich Vogel, wenn er am 11. Dezember 1784 an Jean Paul schreibt: „Dem Latitudinarius schicken Sie einen Courier“? „Um solchen Textstellen auf die Spur zu kommen, muss man sich sehr auf die Zeit und die jeweiligen Korrespondenten einlassen. Was bewegt sie gerade? Über was reden sie?“, sagt Monika Meier. Diese Kleinarbeit sei zwar mühsam, aber das Ergebnis umso aufschlussreicher. Mit Latitudinarius wurden in der Zeit Freigeister bezeichnet, die sich da selbst ohne strenge konfessionelle bzw. religiöse Bindung in Religionsstreitigkeiten um Vermittlung bemühten. Der Theologe Vogel jedoch bezieht sich nicht auf einen bestimmten Freigeist, sondern auf den Schluss eines Aufsatzes von Jean Paul, in dem es um religiöse Toleranz und einen Übergang der Religionen in eine „natürliche Religion“ geht. Dieses Manuskript wollte er gern für sein eigenes Buch haben. Und Jean Paul sollte es ihm schicken.
Im Mittelpunkt: die Korrespondenten
Um solche Zusammenhänge zu erleuchten, wird jeder Band durch einen umfangreichen Kommentar ergänzt. Hier finden sich ebenfalls die verschiedenen Lesarten eines Briefes etwa wenn der Originalbrief heute nicht mehr überliefert ist, sondern aus verschiedenen Abschriften rekonstruiert werden musste sowie eine kurze Einführung zu den jeweiligen Korrespondenten. „Sie waren im Konzept der Potsdamer Arbeitsstelle immer zentral“, sagt Monika Meier. „Ohne ihren vielstimmigen biographischen Kommentar zu Jean Paul wäre unser Bild seiner Rezeptions- und Wirkungsgeschichte und auch das Bild der Zeit bei weitem nicht so facettenreich.“ Die Briefe an Jean Paul erhellten einen Teil des Horizonts, auf den sich Jean Paul schreibend bezogen hat.
Und dieser Horizont erweiterte sich, je bekannter der Autor wurde: War in den 1780er und 90er Jahren noch sein langjähriger Freund Christian Otto sein wichtigster Gesprächspartner im werkbezogenen Briefwechsel dass Otto die Werkmanuskripte des Schriftstellers kritisch durchsah, verstand sich fast von selbst , öffnete sich Jean Paul später sehr den Romantikern. Aber auch deren Ideen sah er nicht als seine. „Das ist typisch für Jean Paul!“, sagt Monika Meier. „Er stand überall dazwischen, hat alle gekannt, in den verschiedensten Periodika publiziert. Eine Größe seiner Zeit, aber nicht zuzuordnen. Das macht es der Nachwelt schwer.“
„Von unten nach oben gewirbelt“
Was diese jedoch an ihm und seiner Korrespondenz ablesen kann, sind die bewegten Zeiten, in denen er lebte: So wie seine frühen Freunde schreiben, schreiben nicht mehr die Romantiker wie die Schlegel-Brüder, E.T.A. Hoffmann oder Fouqué. Jean Pauls Briefstil ändert sich und auch seine Literatur. „Je nach Zeit eröffnen sich uns wieder ein ganz anderer Kosmos, ganz andere Kontexte“, sagt Meier. „Auch politisch: Das Heilige Römische Reich deutscher Nation hört auf zu existieren, es folgt die napoleonische Zeit, die Restauration. Es wurde vieles von unten nach oben gewirbelt. Und in den Briefen sehen wir das aus der Perspektive der Einzelnen, die damit umgehen mussten und wollten. Auch von Leuten aus der Provinz, von denen wir sonst nie etwas erfahren würden. Auf solche Quellen kann die Forschung nicht verzichten.“
Nach dem großen Durchbruch Jean Pauls 1795 mit dem Roman „Hesperus“ wurde der Schriftsteller von allen gelesen, die sich für Literatur interessierten. Von einigen kritisch beäugt, von vielen sehr gemocht und geliebt. „Besonders von Leserinnen“, wie Monika Meier lächelnd sagt. „Sein Stil scheint sie besonders angesprochen zu haben.“ Denn Jean Paul spricht die Leser sehr direkt an, eröffnet mit seinen Büchern einen intimen Dialog, der sich teilweise wie selbstverständlich in den Briefen fortsetzt.
In dieser Erfolgszeit ist auch der nächste Band der Jean-Paul-Edition angesiedelt. Am 5. Oktober wird Band 3 der vierten Abteilung (1797-99) im Schlosstheater Neues Palais im Park Sanssouci in Potsdam vorgestellt. Schlagartig erreichte Jean Paul nach dem „Hesperus“ ein großes Publikum, bekam Einladungen nach Weimar, wo er die Großen seiner Zeit persönlich kennenlernte. Er verließ somit die Heimatstadt Hof und begann seine Wanderjahre: Es zog ihn nach Leipzig, Weimar, Berlin, Meiningen, Coburg, Bayreuth und vor allem auch nach Heidelberg. Doch das sind schon Band vier bis acht.
Online-Register der Briefe von und an Jean Paul
Um die Flut der Briefe schneller und abteilungsübergreifend erschließbar zu machen, arbeiten die Potsdamer Forscher außerdem an einem umfassenden Online-Register. Den Grundstein dazu bildet der Gesamtregisterband zur dritten Abteilung. Hier kann der Leser nicht nur wie üblich nach Orten und Personen fahnden, um zum Beispiel zu einem bestimmten Korrespondenten die entsprechenden Textstellen und einen biographischen Kurzkommentar einzusehen. Auch biblische Figuren aus den Texten, Sternbilder oder Autoren, die Jean Paul gelesen hat, sind hier vermerkt. „Für uns ist das Online-Register bereits ein ständiges Arbeitsinstrument“, erklärt Monika Meier. „Und wir hoffen, dass wir damit unseren reichen Quellenfundus auch für andere noch besser zugänglich machen können.“
Das „Potsdamer Jean-Paul-Register“ ist online abrufbar unter:
http://www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/jean_paul/de/blanko.2005-01-27.8995276722
Weitere Informationen zur Edition unter:
http://www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/jean_paul/de/Startseite
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