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BERLIN. Die Grüne Gentechnik ist in Deutschland wieder ein Reizwort, wissenschaftliche Freisetzungsexperimente werden bei „Feldbefreiungen“ zerstört. Zu Unrecht, wie Wissenschaftler der Akademienunion meinen. In einem Statement, das im Dezember in Kairo von 92 internationalen Wissenschaftsakademien verabschiedet werden soll, heißt es: Die Technik ist sicher und birgt besonders für die Entwicklungsländer ein großes Potential. Ein Gespräch mit dem Pflanzenwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Müller-Röber, Mitglied in der Kommission Grüne Gentechnik der Akademienunion, über die Situation in Deutschland.
Ist Deutschland ein guter Standort für die Grüne Gentechnik?
Müller-Röber: Solange ich im Labor bleibe, kann ich in der Grünen Gentechnik sehr gut arbeiten. Aber natürlich möchte man seine Forschung in die Anwendung führen. Und das erfordert Freisetzungsexperimente. Da ist das Antrags- und Genehmigungsverfahren derzeit zu kompliziert. Es gibt zahlreiche Auflagen, die einzuhalten sind. Dies betrifft beispielsweise Sicherheitsabstände zu benachbarten Feldern, die Maßnahmen, die während und nach der Vegetationsperiode durchgeführt werden müssen, Mindestentfernungen zu Naturschutzgebieten, usw. Hinzu kommen umfangreiche Antragsunterlagen und unterschiedliche Ansprechpartner und Verantwortlichkeiten im Zuge des Genehmigungs- und Überwachungsverfahrens.
Was man trotz all dieser Regeln nie ausschließen kann, ist eine Auskreuzung aus einem wissenschaftlichen Experiment in ein benachbartes Feld. Bei biologischen Systemen gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Das ist ganz normal, mit Gentechnik hat das nichts zu tun. Bei der gegenwärtigen Gesetzeslage führt das jedoch dazu, dass in so einem Fall der Nachbar-Landwirt seine Getreidepflanzen nicht mehr verkaufen kann, weil das einem wirtschaftlichen Inverkehrbringen gleichkäme, während die Pflanzen zunächst nur für die wissenschaftlichen Freisetzungsexperimente zugelassen sind. Da muss die Politik bei der Novelle des Gentechnikgesetzes zu einer Lösung kommen.
Was würden Sie sich als Forscher wünschen?
Müller-Röber: Tatsache ist, dass es nur sehr selten zu Auskreuzungen aus wissenschaftlichen Versuchen kommt. Aber wenn dieser Fall eintritt, kann man als Wissenschaftler nicht erwarten, dass der benachbarte Landwirt finanzielle Einbußen in Kauf nimmt. Was man sich jedoch vorstellen könnte, ist eine Art Ausfallgarantie des Staates.
Wenn also der Staat die Technologie wegen ihres großen Potentials fördern möchte, könnte er im Sinne einer innovationsfreundlichen Politik sagen: Der Wissenschaftler hat die Genehmigung erhalten, ein solches Experiment durchzuführen nach Sicherheits- und ökologischen Erwägungen ist das Experiment unproblematisch. Aber falls es doch zu einer Auskreuzung kommt, springe ich ein, damit der benachbarte Landwirt nicht wirtschaftlich geschädigt wird. Das heißt, der Staat kauft etwa die zwei Hektar Mais und kompostiert sie. Damit wäre allen Seiten geholfen. Zudem wäre es extrem kostengünstig, weil Auskreuzungen dabei selten sind.
Ich spreche hier allerdings nur von wissenschaftlichen Freisetzungsexperimenten. Es geht nicht um die Frage, wer bei einer kommerziellen Nutzung haftet, denn dort haben wir es nicht mehr mit Forschung zu tun, sondern mit der wirtschaftlichen Umsetzung. Dabei sind die Anbauflächen viel größer, während sie bei wissenschaftlichen Freisetzungsexperimenten klein sind und nur für relativ kurze Zeit eine recht genau definierte Zahl von Pflanzen angebaut wird.
Die Furcht vor wissenschaftlichen Freisetzungsexperimenten scheint in Deutschland sehr groß zu sein. Wie erklären Sie sich das?
Müller-Röber: Eine Beobachtung: Hier in Potsdam machen wir seit 1996 Freisetzungsexperimente. Viele Jahre hat das kaum jemanden interessiert, obwohl die Wissenschaftler ihre Forschung noch nie geheim gehalten haben, ganz im Gegenteil. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Lage geändert: Es ist wieder ein Politikum, es werden Felder zerstört. Warum? Dies hängt sicher mit der Diskussion zur Änderung des Gentechnikgesetzes zusammen. Die Kritiker haben die Gunst der Stunde genutzt, um ihre Einwände gegen gentechnisch veränderte Pflanzen erneut vorzubringen. Den meisten Verbrauchern ist jedoch gar nicht klar, was Gentransfer und Gentechnik eigentlich bedeuten. Gentechnik wird oft als industriegesteuert und industriefinanziert gesehen, und als gefährliche Technologie.
Als Wissenschaftler müssen wir das Potenzial der Technologie erklären. Wir müssen vermitteln, dass wir mit der Gentechnologie die Möglichkeit haben, gezielter z. B. in einen stofflichen Metabolismus einzugreifen, um Inhaltsstoffe zu verändern, Resistenzen gegenüber Krankheitserregern zu erzeugen, die Nährstoffeffizienz zu verbessern und um Trockentoleranzen zu steigern also Dinge, die mit der klassischen Züchtung nicht immer einfach zu erreichen sind.
Die genetischen Veränderungen durch die klassische Züchtung dagegen werden akzeptiert. Die Verbraucher nehmen gar nicht wahr, dass der Apfel, in den sie heute beißen, kaum noch etwas mit den Äpfeln zu tun hat, die vor 500 Jahren gegessen wurden. Die genetischen Strukturen wurden durch die Züchtung hochgradig verändert. Das ist kein natürliches Produkt mehr. Auch Mais nicht. Der wäre in seiner heutigen Form nicht einmal überlebensfähig, weil die Samenkörner dank der Züchtung nicht vom Kolben fallen.
Solche Prozesse können wir mit der Grünen Gentechnik nun genauer steuern aber da wird plötzlich davon geredet, dass wir in Gottes Schöpfung eingreifen. Es ist schwer, dem als Wissenschaftler entgegen zu wirken. Die Angst vor der Technologie kann man nur nehmen, indem man den Nutzen für den Verbraucher und die Umwelt erklärt und aufzeigt, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur traditionellen Pflanzenzüchtung liegen. Bei der klassischen Züchtung fragt niemand mehr nach dem Nutzen.
Kann das Statement des InterAcademy Panels helfen, den Nutzen der Grünen Gentechnik verständlicher zu machen?
Müller-Röber: Ich hoffe, dass das Panel dazu beiträgt, die Technologie und unser Vorgehen transparenter zu machen. Gentechnische Verfahren sind nicht als solche risikoreicher als die der klassischen Züchtung. Bei einer Gefahrenanalyse muss man die Eigenschaften des hergestellten Organismus, das Ergebnis der gentechnischen Veränderung bzw. Züchtung bewerten.
Darüber hinaus geht es uns um die Koexistenz von Gentechnik und biologischer Landwirtschaft. Die heutige Situation ist folgende: Die Bio-Bauern akzeptieren auch wegen ihrer Verbandsstatute kategorisch keine gentechnisch veränderten Pflanzen auf ihren Feldern. Dabei spricht aus Sicht der Wissenschaft nichts dagegen, diese Pflanzen im biologischen Landbau zu benutzen. Ganz im Gegenteil: Man kann sich durchaus vorstellen, sie so zu verändern, dass sie besser mit dem Nährstoffgehalt des Bodens auskommen und weniger gedüngt werden müssen. Was ist daran schlecht? Oder wenn die Resistenz gegenüber Krankheiten erhöht wird und so Giftstoffe eingespart werden können warum sollte man diese Vorteile nicht nutzen? Die Gentechnik kann einen Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft leisten.
Zum Thema Auskreuzungen: Bei einem traditionellen Feld kümmert das keinen, bei gentechnisch veränderten Pflanzen wird das aber oft als Problem gesehen, obwohl es sich um zugelassene Pflanzen handelt. Bei manchen Pflanzen ist dies ohnehin kaum von Belang. So etwa bei der Kartoffel. Hier würde eine Auskreuzung nur die Blüten und Beeren betreffen. Und die essen wir nicht, weil sie giftig sind. In der Knolle käme der Gentransfer nicht zur Wirkung.
Ein weiterer Schwerpunkt des Statements ist die Tatsache, dass gentechnisch veränderte Pflanzen besonders für die Länder der Dritten Welt nützlich sein können. Insektentolerante Baumwollpflanzen, die unter anderem in China angebaut werden, sind dafür ein Beispiel. Dort können prinzipiell weniger Pestizide auf die Felder gesprüht werden, das kommt der Gesundheit der Kleinbauern direkt zugute.
Ich würde mir einen offenen Dialog wünschen zwischen der Wissenschaft und den Bürgern, die der Grünen Gentechnik oft noch kritisch gegenüber stehen.
Der Nutzen für die Entwicklungsländer kommt in der deutschen Diskussion kaum vor.
Müller-Röber: Dieses Potential wird hier kaum wahrgenommen. Dabei geht es sogar über die derzeit angebauten Pflanzen hinaus: Pflanzen, die mit weniger Pestiziden behandelt werden, aber auch trocken- oder salztolerante Pflanzen. Da ist einiges in der wissenschaftlichen Pipeline. Noch ist unklar, wann diese Entwicklungen auf den Feldern Früchte tragen werden. Das hängt von vielen Faktoren ab: Ein positiver Effekt im Labor heißt noch nicht, dass er sich auf dem Feld bestätigt. Das muss nachgeprüft werden. Normalerweise geschieht dies zunächst anhand ausgewählter, gut erforschter Sorten, dann mit Pflanzenlinien, die lokal unterschiedlich sein können je nach Geschmack, Anbaumethoden und Tradition des Landstriches. Das dauert eine Weile.
Aber eine ganze Reihe von Schwellenländern investiert massiv in die Technologie. Vor allem China, sehr stark auch Indien und Brasilien. Pakistan fängt an. Jeweils mit dem Ziel, lokal relevante Fragen zu beantworten und dortige Sorten zu modifizieren.
Es wurde auf dem IAP-Treffen sehr emotional darüber diskutiert, dass die Furcht vor der Gentechnik in Europa negative Auswirkungen auf die Wissenschaftler und die Bauern in den Entwicklungsländern haben, die sie nutzen wollen. Sehen Sie das auch so?
Müller-Röber: In China kümmert man sich sicher nicht darum, da ist der heimische Markt groß genug. In anderen Ländern mag es eine Rolle spielen, sobald es etwa um Produkte geht, die nach Europa exportiert werden. Wenn aus Ägypten gentechnisch optimierte Kartoffeln nach Europa verkauft werden sollen und der Verbraucher hierzulande das nicht akzeptiert, wird man in Ägypten sagen: Dann kein Gentransfer. Unsere Märkte zu verlieren, ist nicht in unserem Interesse.
Im Falle des Sojas ist es dagegen mittlerweile so, dass 60 Prozent des weltweit angebotenen Sojas gentechnisch verändert ist. Etwa ein Viertel aller sojahaltigen Nahrungsmittel in Deutschland enthalten gentechnisch verändertes Soja. Der Anteil in nahezu jedem Produkt liegt allerdings unter 0,9 Prozent so niedrig, dass er nicht ausgezeichnet werden muss. Bei vielen anderen Produkten ist ihre Herstellung mittels gentechnischer Verfahren ohnehin bereits Standard.
Welches Zukunftspotential sehen Sie für die Grüne Gentechnik in Deutschland?
Müller-Röber: In Deutschland hört man oft: Wir brauchen die Technik nicht. Wir müssen keine Pflanze züchten, die einen noch höheren Ertrag haben. Oder noch gesünder oder krankheitstoleranter ist. Aber ich denke, dass wir auch in den Industrieländern ein großes Entwicklungspotential haben. Denn es geht ja auch darum, eine stabile Ertragslage zu schaffen auch wenn sich Umweltbedingungen ändern, sich also zum Beispiel Krankheitserreger und Schädlinge ausbreiten, die Sommer besonders trocken oder heiß sind usw.
Noch größer ist das Potential im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe: Pflanzen, die als Ausgangsstoffe für die chemische Industrie oder die Energiegewinnung dienen. Heute verwenden wir Pflanzen, um Zucker für die Bio-Ethanol-Produktion zu extrahieren. Oder wir nutzen Rapsöl für den Antrieb von Fahrzeugen. Man kann sich aber auch vorstellen, dass man noch andere Bestandteile von Pflanzen z. B. Zellulose und das sogenannte Lignin (beide kommen in großen Mengen in Pflanzen vor) besser nutzt. Das erfordert neue Aufschluss- und Verarbeitungsverfahren, dabei sind auch Ingenieure gefragt. Und das Ganze könnte noch besser funktionieren, wenn man die Bestandteile der Zellwand oder des Lignins über gentechnische Verfahren optimiert.
Ein weiteres Szenario wäre, dass andere Substanzen in den Pflanzen produziert werden, die für die chemische Industrie wertvoll sind oder in Bioraffinerien mit Pflanzenmaterial umgesetzt werden können. Da gibt es extrem viel Entwicklungsbedarf in den nächsten Jahrzehnten. Und es könnte Studenten in dieses Feld ziehen, die dann später interdisziplinär zusammen arbeiten, um die so genannte „bio-based society“ aufzubauen.
Das liegt dem Verbraucher relativ fern. Wo ist der Nutzen für ihn?
Müller-Röber: Vielleicht muss man dem Verbraucher erklären, wo Gentechnik heute schon eine Rolle spielt. Jedes Markenwaschmittel hat gentechnisch veränderte Komponenten. Nur dadurch bekommen wir etwa Fett- oder Proteinflecken gut aus unserer Kleidung heraus. Oder die stone-washed Jeans: Die wird nicht mehr wie früher extrem energieaufwändig mit Steinen gewaschen, sondern mit gentechnisch hergestellten Enzymen behandelt. Und jedes dritte Baumwollkleidungsstück wird bereits aus gentechnisch veränderter Baumwolle hergestellt.
Die Weiße Biotechnologie also die industrielle Nutzung gentechnisch veränderter Organismen wird mittlerweile selbst von den Grünen positiv gesehen, weil sie Energie spart und mit weniger toxischen Chemikalien auskommt.
Wie fühlt man sich als Wissenschaftler, wenn man sich dennoch ständig verteidigen muss?
Müller-Röber: Die Reaktionen sind unterschiedlich. Es gibt Kollegen, die haben keine große Lust mehr, sich zu rechtfertigen, weil sie den Eindruck gewonnen haben, dass ihre Argumente nicht gehört werden. Sie halten sich inzwischen weitgehend aus der öffentlichen Diskussion heraus. Andere engagieren sich sehr stark auf vielen Ebenen, in Schulen, bei politischen Veranstaltungen, auf Podiumsdiskussionen.
Wie fühlt man sich? Einige sind resigniert, weil eine öffentlich geäußerte Unterstützung zumeist ausbleibt und man automatisch auf der Verteidigerseite steht. Und wenn ich mir junge Wissenschaftler anschaue, dann muss ich ihnen erst einmal erklären, warum sie sich der Grünen Gentechnik widmen sollten. Sie dazu zu motivieren fällt nicht immer leicht. Mein Wunsch wäre, eine Diskussion aufzubauen, die die Gentechnik nicht gegen die Ökologie ausspielt, wenn es um eine nachhaltige Landwirtschaft und eine nachhaltige chemische Produktion geht.
Die Fragen stellte Dr. Annette Schaefgen
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