„Kampagnen gegen die Grüne Gentechnik ohne wissenschaftliche Grundlage“
Die Grüne Gentechnik bietet für die Entwicklungsländer große Chancen. Ein internationaler Workshop der Akademienunion erarbeitete eine unabhängige Stellungnahme.


BERLIN. Nicht ideologische Grundhaltungen, sondern ausschließlich wissenschaftlich überprüfte Fakten sollten die Diskussion um die Grüne Gentechnik bestimmen. Mit dieser Forderung endete im Frühjahr in Berlin ein internationaler Workshop, zu dem die Akademienunion im Auftrag des „InterAcademy Panel“ (IAP) eingeladen hatte. Es wurde ein unabhängiges Statement zur Bedeutung gentechnisch veränderter Nahrungsmittelpflanzen für die Entwicklungsländer erarbeitet. Dieses wird auf der Generalversammlung des IAP im Dezember in Kairo von den 92 dem IAP weltweit angehörenden Wissenschaftsakademien diskutiert werden.


Die Delegierten aus China, Ägypten, Indien, den USA und Europa haben sich in ihrem Entwurf auf folgende Hauptpunkte geeinigt:

  1. Lebensmittel aus geprüften, gentechnisch veränderten Kulturpflanzen sind sicher für Mensch und Tier.
  2. Sie sind keine Gefahr für die Umwelt.
  3. Nicht nur große Unternehmen, sondern vor allem kleine Bauern profitieren von den gentechnisch veränderten Kulturpflanzen. Die Technologie trägt dazu bei, dass die Armut der Kleinbauern in Entwicklungsländern abgemildert wird.
  4. Landwirtschaft mit gentechnisch veränderten Pflanzen und ökologische Landwirtschaft bilden keine unüberbrückbaren Gegensätze.
  5. Gentechnisch veränderte Kulturpflanzen können einen wesentlichen Beitrag zu einer quantitativ und qualitativ besseren Versorgung mit Lebensmitteln leisten.
  6. Bauern und Konsumenten in aller Welt sollten frei wählen können, ob sie gentechnisch veränderte Kulturpflanzen anbauen bzw. konsumieren möchten.
Angesichts der Fülle von Studien und guten Erfahrungen mit gentechnisch veränderten Kulturpflanzen fordern die Delegierten Regierungen und Nichtregierungsorganisationen dazu auf, ihre Kampagnen gegen die Grüne Gentechnik einzustellen. Transgene Pflanzen seien nicht per se gut oder schlecht, ihr Nutzen müsse von Fall zu Fall erwogen werden. „Es wäre viel gewonnen, wenn Bürger und Politiker bei jeder Behauptung zur Grünen Gentechnik nach wissenschaftlich fundierten Beweisen fragen würden“, sagte Prof. Dr. Klaus Ammann, Prof. emerit. für Systematische Botanik und Geobotanik an der Universität Bern. „Die meisten Mythen, die Umweltorganisationen verbreiten, sind seit Jahren widerlegt.“

Prof. Dr. Hans Walter Heldt, der Vorsitzende der Kommission Grüne Gentechnik der Akademienunion, wies darauf hin, dass es unverantwortlich sei, wie sehr die skeptische Haltung der Europäer auf die Entwicklungsländer zurückstrahle: „Europa ist ein Vorbild. Und aus Angst, ihre Produkte nicht nach Europa verkaufen zu können, schrecken viele Bauern und Regierungen vor der neuen Technologie zurück.“ Dabei biete die Grüne Gentechnik gerade für die Entwicklungsländer große Chancen: Es würden unter anderem Sorten entwickelt, die weniger anfällig gegen Dürren sind und auf salzhaltigem Boden gedeihen. So könnten künftig auch Flächen genutzt werden, die bisher für die Landwirtschaft nicht zu gebrauchen sind. Lokale Arten könnten so verändert werden, dass sie mehr Nährstoffe und Vitamine enthielten und so der Mangelernährung entgegen wirkten.

Auch die gentechnisch veränderten Sorten, die heute schon verkauft werden, lohnten sich in den meisten Fällen trotz des höheren Preises für die Bauern, da sie höhere Erträge erzielten und durch Resistenzen gegen Insekten, Viren und Pilze bis zu 70 Prozent weniger Gifte auf ihren Feldern versprühen müssen. Dass von den 8,5 Millionen Bauern, die in 21 Ländern weltweit die Grüne Gentechnik nutzen, etwa 90 Prozent aus der Dritten Welt stammten, sei der beste Beweis dafür. Die chinesischen Teilnehmer bekräftigten dies mit einem Bericht aus ihrem Land: Baumwolle werde in China vor allem durch Kleinbauern mit einem durchschnittlichen Landbesitz von 0,4 Hektar angebaut. 70 Prozent von ihnen sei inzwischen auf genetisch veränderte, insektenresistente Baumwolle umgestiegen, wodurch sie ihr Einkommen erheblich verbessern konnten.

Ammann widersprach vehement der Annahme, dass nur die großen westlichen Firmen in den Entwicklungsländern an den gentechnisch veränderten Pflanzen verdienten. 85 Prozent der gentechnischen Anwendungen in der Dritten Welt würden aus öffentlichen Mitteln finanziert, der Anteil der großen multinationalen Konzerne betrage nur ein Prozent. In den großen Projekten, die im Moment beginnen, habe die Industrie nur ein kleines Anrecht, Technologie einzubringen – und das auch nur ohne das Festschreiben von Lizenzgebühren für die kleinen Bauern.

Der Workshop in Berlin war Teil der IAP-Initiative, den Nutzen gentechnisch veränderter Pflanzen einzuschätzen. Die Akademienunion engagiert sich bereits seit längerem im Auftrag des IAP für eine wissenschaftlich unabhängige und sachlich fundierte Beratung der Bevölkerung zu Fragen der Grünen Gentechnik. Sie hat deshalb 2004 ein Memorandum zur Sicherheit gentechnisch veränderter Lebensmittel veröffentlicht, das in mehrtausendfacher Auflage verteilt wurde und immer noch stark nachgefragt wird. Es ist auf den Webseiten der Akademienunion zu finden unter:

www.akademienunion.de/_files/memorandum_gentechnik/memorandum_gruene_gentechnik.pdf

An dem internationalen Workshop zur Grünen Gentechnik nahmen teil:

Dr. Ismail abdelHamid, Egypt Biotechnology Information Center (EBIC),
Agricultural Genetic Engineering Research Institute (AGERI), Agricultural Research Center (ARC); Kairo / Ägypten

Prof. Dr. Klaus Ammann, Prof. emerit. für Systematische Botanik und Geobotanik an der Universität Bern; Mitarbeiter in der Africa Harvest Biotech Foundation International; Kommission Grüne Gentechnik der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften; Bern / Schweiz

Prof. Dr. Maarten Chrispeels, Center for Molecular Agriculture, Division of Biological Sciences , University of California San Diego ; San Diego / USA

Prof. Dr. Gerhard Gottschalk, Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften; Institut für Mikrobiologie und Genetik, Universität Göttingen; Göttingen / Deutschland

Prof. Dr. Hans Walter Heldt, Kommission Grüne Gentechnik der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, Albrecht-von-Haller-Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Göttingen; Göttingen / Deutschland

Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany, Leiter des Molekularbiologischen Zentrums an der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe; Kommission Grüne Gentechnik der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften; Karlsruhe / Deutschland

Prof. Dr. Vivian Moses, Kings College, Division of Life Sciences; London / UK

Prof. Dr. Bernd Müller-Röber, Institut für Biochemie und Biologie der Universität Potsdam und Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie, Potsdam; Kommission Grüne Gentechnik der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften; Potsdam / Deutschland

Prof. Dr. Georges Pelletier, Génétique et Amélioration des Plantes INRA; Versailles; Cedex / Frankreich

Prof. Dr. Yufa Peng, Chinese Academy of Agricultural Sciences,Institute of Plant Protection, Biosafety Research Centre; Peking / China

Prof. Dr. Zhen Zhu, Institute of Genetics and Developmental Biology, Deputy Director, General of Bureau of Life Sciences & Biotechnology; Peking / China


Das Statement entstand außerdem unter Mitarbeit von:

Prof. Dr. Kameswara Rao, Foundation for Biotechnology Awareness and Education, Basavanagudi; Bangalore / Indien

Prof. Dr. Jocelyn Webster, Executive Director of AfricaBio (Nonprofit organisation serving as a forum for discussion on biotechnical issues in Africa); Irene / Südafrika


Das InterAcademy Panel (IAP) ist ein weltweites Netzwerk von 92 Wissenschaftsakademien. Es wurde 1993 mit dem Ziel gegründet, die Bürger und Politiker in den Heimatländern der Akademien zu aktuellen Fragestellungen mit globaler Relevanz wissenschaftlich zu beraten. Es hat bisher unter anderem Stellungnahmen zur wachsenden Weltbevölkerung (1994), zur nachhaltigen Entwicklung (2000), zur Zugänglichkeit wissenschaftlicher Informationen (2003) und zur Biosicherheit (2005) herausgegeben. Der Sitz des IAP-Sekretariats ist im italienischen Triest.


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