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Verantwortung der Wissenschaft

GÖTTINGEN. Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler für ihr Tun? Vier Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen haben in öffentlichen Vorträgen aus den Gebieten Mikrobiologie, Medizin, Theologie und Rechtswissenschaften Denkanstöße zu dieser Frage gegeben. Die Vorträge sind nun als Sammelband erschienen.

Die Lehrmeinung schien so einleuchtend. Wer einen schwachen Herzmuskel hat, darf kein Medikament bekommen, das Puls und Herzleistung mindern kann. Die so genannten Beta-Blocker schieden für die Therapie aus. Ein Fehler, wie sich 1999 herausstellte. Denn sie begünstigen Umbauprozesse, die letztlich die Struktur und die Funktion des Herzens verbessern. Wie wichtig es in der klinischen Forschung ist, etablierte Dogmen oder nahe liegende Schlüsse zu hinterfragen, zeigt der Kardiologe Gerd Hasenfuß an mannigfachen Beispielen. Die Konsequenzen am Krankenbett seien gravierend, selbst noch so logische Annahmen könnten Menschenleben gefährden. Genauso wie falscher Ehrgeiz. Nie, betont Hasenfuß, dürfe der Erfolg des forschenden Arztes im Vordergrund stehen, allein das Wohlergehen des Patienten müsse seine Handlungen bestimmen.

Welche weiteren Grenzen der Forschungsfreiheit gesetzt sind, lotet Christian Starck aus der Perspektive eines Juristen aus. Neben den Vorgaben des Gesetzgebers geht er dabei auf die Schranken ein, die sich aus der Forschung selbst ergeben: die Regeln „guter wissenschaftlicher Praxis“ und die daraus abgeleiteten Kriterien für wissenschaftliches Fehlverhalten. Ein Katalog, gegen dessen zentrale Punkte – Erfinden und Verfälschen von Daten, Auswählen und Zurückweisen unerwünschter Ergebnisse, Manipulation einer Abbildung oder Darstellung – jüngst ein koreanischer Stammzellforscher verstoßen hat. Starck kritisiert Verstöße dieser Art als „geradezu wissenschaftsfeindlich“.

Das Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Verantwortung, in dem sich die molekularen Biowissenschaften bewegen, ist das Thema des Mikrobiologen Gerhard Gottschalk. Der Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften weist in seinem Aufsatz darauf hin, wie weit die Medizin von einem Sieg über die Infektionskrankheiten entfernt ist: Allein 99 Prozent der Bakterienarten entziehen sich Untersuchungen im Labor. Hilflos ist die Forschung dennoch nicht. Der Blick ins Genom der Mikroorganismen erlaubt Rückschlüsse darauf, warum diese so schädlich für den Menschen sind und wie man sie bekämpfen kann. Die Kehrseite: Solche Erkenntnisse könnten auch der Entwicklung von Biowaffen dienen.

Wesentlich weniger kontrovers scheint da die Theologie, deren praktische Verantwortung Joachim Ringleben beleuchtet. Ein Trugschluss, wie es sich zuletzt sehr deutlich in der Zeit des Nationalsozialismus herausstellte. Die strenge Theologie Karl Barths bot damals eine Möglichkeit zum Widerstand. Das Festhalten an der biblischen Botschaft eröffnete Perspektiven jenseits der übermächtigen „Deutschen Christen“. Doch nicht nur in solch extremen Situationen sei die Theologie „praktisch“. Auch heute schärfe sie den Blick auf den Menschen und sein Tun, setze ethische Grenzen und erinnere an seine Verantwortung.

Bibliographische Angaben
Christian Starck (Hrsg.): Verantwortung der Wissenschaft. Erschienen bei Mohr Siebeck, Tübingen, 2005, ISBN 3-16-148812-1, Preis: 24 Euro.

Die Autoren
Die molekularen Biowissenschaften im Spannungsfeld: Gerhard Gottschalk, Professor der Mikrobiologie, seit 1976 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, seit 2003 Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften.

Verantwortung in der klinischen Forschung: Gerd Hasenfuß, Professor der Inneren Medizin, seit 2002 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Theologie in praktischer Verantwortung: Joachim Ringleben, Professor der Systematischen Theologie in Göttingen, seit 1997 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Forschungsfreiheit und ihre Grenzen: Christian Starck, Professor des Öffentlichen Rechts, seit 1982 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Kontakt:
Ulla Deppe
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
Theaterstraße 7
37073 Göttingen
Tel.: 0551 / 39 53 62
udeppe@gwdg.de
www.adw-goettingen.gwdg.de

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Dr. Annette Schaefgen
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