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GÖTTINGEN. Wurde früher ein Wörterbuch vorbereitet, führten die Vorarbeiten unweigerlich zu Unmengen von Zettelkästen. Das Göttinger Qumran-Lexikon geht andere Wege: Die Semitisten und Alttestamentler erstellen zunächst eine umfangreiche Datenbank, die sie in einem zweiten Schritt auswerten. Seit 2006 wird das Projekt im Akademienprogramm gefördert.
Eigentlich sehen die drei unscheinbaren Büros im ersten Stock des Theologicums nicht anders aus als alle anderen der Georg-August-Universität Göttingen. Die Regalwände quellen über, auf den Schreibtischen stapeln sich dicke Wälzer, an den Wänden hängen einzelne Fotos einer Wüstenlandschaft. Und dennoch verbirgt sich hier Außergewöhnliches. Nicht nur, weil ein Akademieprojekt an der Universität Quartier bezogen hat die Zusammenarbeit beider Institutionen im Centrum Orbis Orientalis (CORO) macht das möglich. Die Regale beherbergen auch eine große Sammlung von Editionen und Fotos der Schriftrollen von Qumran. Um hier zu arbeiten, kommen Gastwissenschaftler aus verschiedenen Ländern der Welt nach Göttingen. Und sie kommen auch, um in der Forschungsstelle die neue Datenbank zum Qumran-Wörterbuch zu nutzen.
„Das Wörterbuch ist zunächst ein rein philologisches Projekt“, erklärt Prof. Dr. Reinhard Gregor Kratz, der die Herausgabe wissenschaftlich leitet. Mit den Schriftrollen vom Toten Meer seien nicht nur die ältesten Handschriften zu den biblischen Büchern aufgetaucht, sondern auch Reste von Texten, die man bisher nur in Übersetzungen und nicht im hebräischen oder aramäischen Original oder gar nicht kannte. Vor allem die Schriften der Qumran-Gemeinschaft, die hier unter anderem ihre Gemeinschaftsregeln niederlegten und biblische Bücher kommentierten, schließen eine sprachgeschichtliche Lücke.
Bisher konnten Philologen aufgrund fehlender Quellen nur schwer nachvollziehen, wie sich das Hebräische vom biblischen Hebräisch und Aramäisch des 3. und 2. Jahrhunderts vor Christus zum rabbinischen Hebräisch ab dem 2. Jahrhundert nach Christus entwickelte. „Dank Qumran haben wir dafür heute das nötige Material“, sagt Kratz. Zum einen vier bis fünf große, nahezu vollständig erhaltene Schriftrollen, zum anderen unzählige Fragmente von fünf bis sieben oder etwas mehr Zeilen. Sie verraten zwar nicht den vollen Inhalt einer Rolle, bieten aber ausreichend Kontext für einen Wörterbucheintrag, der die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes erschließen und semantische Veränderungen belegen soll.
So wie bei „’em“, der Mutter. In der Bibel zuvor nur im wörtlichen Sinne oder als Metapher „Mutter der Wege“ für die Kreuzung belegt, wird das Wort in Qumran darüber hinaus in Zusammenhängen verwendet, die auf ein Amt hindeuten die Mütter als Funktionsträgerinnen der ganzen Gemeinschaft, nicht nur der Familie. „Wir müssen für sämtliche Lemmata prüfen und vergleichen, wie das Wort im früheren und späteren Hebräisch verwendet wurde“, erklärt Kratz. Nur so können die Mitarbeiter der Arbeitsstelle einem solchen Bedeutungswandel auf die Spur kommen.
Seit 2002 arbeiten die Göttinger an dem Wörterbuch zunächst im Rahmen eines DFG-Projektes, seit 2006 als Forschungsprojekt im Akademienprogramm. Dem Team gehören außer Kratz auch PD Dr. Ingo Kottsieper und die Arbeitsstellenleiterin Dr. Annette Steudel an. Sie ist eine intime Kennerin der Texte vom Toten Meer und ausgewiesene Spezialistin auf dem Gebiet der Qumranforschung. Daneben ist eine Reihe von ausgesuchten studentischen und examinierten Hilfskräften an dem Aufbau der Datenbank beteiligt.
Die Basis für ihre Arbeit bildet ein elektronisch erfasster Grundtext der Handschriften. Wo er fehlte, gab das Team den Text selbst in die Datenbank ein. Anhand dieses Gerüsts werden nun alle vorgeschlagenen Lesarten eines Wortes zusammengetragen und dafür die verschiedenen Editionen, Konkordanzen, Indizes sowie die einschlägige Literatur durchsucht. Nicht immer sind die Ergebnisse eindeutig: „Die Fragmente sind zum Teil in einem sehr schlechten Zustand“, erklärt Kratz. Meinungsverschiedenheiten darüber, was dort steht, können daher kaum verwundern.
Und das ist erst der erste Schritt. Es folgt die morphologische und etymologische Analyse: Welche Wörter sind in Qumran belegt? Welche grammatikalischen und orthographischen Formen gibt es? Wo gibt es ähnliche Wörter in der semitischen Sprachenfamilie? Was bedeuten sie dort? Wenn dies geklärt ist, kann die eigentliche Arbeit beginnen: Für jede belegte Stelle wird die Semantik erschlossen: Was heißt das Wort in seinem Kontext? Wie hat es sich im Vergleich zum biblischen und zum rabbinischen Hebräisch verändert? Der eigentliche Wörterbuchartikel fasst das gesammelte Material an ausgewählten Beispielen zusammen und deckt alte Lese- oder Übersetzungsfehler auf.
Ein solcher Fehler findet sich etwa im Qumrantext 1QSa II,11. Bis heute geht die Mehrzahl der Forscher unbesehen davon aus, dass der Autor die göttliche Zeugung des Messias erwartet hat. Noch die aktuelle Konkordanz zu den Qumrantexten aus dem Jahr 2003 unterstützt dieses Verständnis gemäß der Erstedition des Textes von 1955. Das Lexikon-Projekt dagegen reflektiert die vielfältigen einschlägigen Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte: Die Entzifferung des Textes ist problematisch, von einer göttlichen Zeugung des Messias ist hier allerdings sicher nicht die Rede. So bleibt nur, paläographisch mögliche, in der Forschung diskutierte Lesungs-Vorschläge der Stelle mit Querverweisen unter die verschiedenen Lemmata aufzunehmen.
Früher wurden alle diese Arbeitsschritte in Zettelkästen dokumentiert. Doch durch die Abschriften taten sich immer wieder neue Fehlerquellen auf. Dazu gibt es mit der von Kottsieper entworfenen Datenbank kaum noch Gelegenheit. Zwar muss die erste Eingabe sehr genau sein, aber dann erscheint die Information automatisch an der Stelle, wo sie gebraucht wird und kann mit verschiedensten Suchvarianten abgefragt werden. Egal ob die Forscher sich gerade im Israel-Museum in Jerusalem die Originale anschauen oder nur wenige Meter voneinander getrennt sitzen. Automatisch erstellt das System auch die Druckfassung des Artikels, nachdem alle Belege durchgearbeitet wurden und der Wörterbucheintrag am Bildschirm verfasst wurde. „Es gibt nicht viele solcher Datenbankprojekte zu den Texten vom Toten Meer“, sagt Kratz. „Von einem, der es wissen muss, wurde uns bescheinigt, dass keine andere so umfangreich sei wie diese. Und diesen Erfolg haben wir nicht zuletzt Herrn Kottsieper zu verdanken.“
Der Semitist war ein Glücksgriff für die Arbeitsstelle, denn er brachte eine ungewöhnliche Zusatzqualifikation mit: Er ist nicht nur Philologe, sondern schreibt auch seit der Schulzeit Computerprogramme. Im Gegensatz zu kommerziellen Firmen wusste er, welche Lösung für das Vorhaben die praktikabelste ist. „Es hätte ewig gedauert, einem Außenstehenden die Feinheiten zu erklären“, sagt Kottsieper. „Außerdem ist das System so aufgebaut, dass ich jeden Fehler selbst beheben kann und nicht darauf hoffen muss, dass der Programmierer nach Jahren noch in derselben Firma arbeitet.“
Vor allem bietet die Datenbank nicht nur die Basis für das derzeit geplante Wörterbuch. Sie ist ein Schatz, der immer wieder gehoben werden kann auch für das sogenannte rückläufige Wörterbuch, mit dessen Hilfe sich Fragmente identifizieren lassen, von denen nur das Wortende übrig ist, für eine neue Konkordanz oder neue Editionen „Wir werden immer wieder gebeten, die Datenbank ins Netz zu stellen“, sagt Kratz. Dieser Schritt jedoch muss warten. Zuerst müssen die Göttinger Forscher ihre Arbeit vollenden. Das Rohmaterial und etwa 100.000 Lesungen sind bereits eingegeben. Nun werden die ersten der weit über 5.000 Einträge geschrieben. Der Buchstabe aleph mit etwa 400 Lemmata soll bis 2008 geschafft sein.
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