Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
  DIE AKADEMIENUNION FORSCHUNG / AKADEMIENPROGRAMM KLEINE AKADEMIEGESCHICHTE AKTUELLES SERVICE  
Startseite English
   
VeranstaltungenPressekonferenzen"Aus den Akademien"PressemitteilungenAus aktuellem Anlass Aktuelles
Alte Weisheit und neue Wege
Das Centrum Orbis Orientalis sammelt die Forschung zum semitischen Sprachraum

GÖTTINGEN. Auf den ersten Blick mutet die Keilschrifttafel wie eine krude technische Zeichnung an. Doch sie bezeugt, wie die Menschen im Orient vor etwa 2500 Jahren die Welt sahen: mit Babylonien, Assyrien und Susa im Zentrum, jenseits des alles umschließenden Ozeans nur noch die Gefilde der Götter und der mythischen Wesen. Heute dient die Karte dem neu gegründeten Forschungszentrum Centrum Orbis Orientalis (CORO) als Emblem. Und symbolisiert, dass die in verschiedene Göttinger Institutionen und Fakultäten aufgesplitterte Forschung zum semitischen Sprachraum wieder unter ein gemeinsames Dach gefunden hat. Gestützt wird das CORO durch zwei Pfeiler aus dem Akademienprogramm: das Septuaginta-Unternehmen und das Qumran-Wörterbuch.

Ein einziges Wort genügt. Wer „Qumran“ erwähnt, beschwört Legenden herauf: von einem Beduinenhirten, der 1947 nach seiner Ziege suchte und stattdessen Tonkrüge mit uralten Schriftrollen fand; von Jesus, der angeblich Essener war, und von einer geschichtlichen Kontinuität zwischen dem heutigen Israel und den Juden, die vor über 2000 Jahren am Toten Meer siedelten.

Prof. Dr. Reinhard Kratz, Direktor des CORO, interessieren solche Spekulationen nicht. Für den Göttinger Alttestamentler sind die halb zerfallenen Rollen vor allem eines: der bedeutendste Textfund des 20. Jahrhunderts. Nur zwei Mal hatte man vorher derart alte jüdische Papyri entdeckt. „Zum einen gab es im ägyptischen Elephantine zwischen 500 und 400 vor Christus eine jüdische Militärgarnison“, erläutert Kratz. „Deren erstaunliche Korrespondenz hat überdauert und tauchte im 19. Jahrhundert auf.“ Und zum anderen gibt es die so genannten Geniza-Fragmente, ca. 200.000 an der Zahl, unter denen sich auch Bibelhandschriften befinden. Als Heilige Texte durften sie nicht zerstört werden und wurden daher in einer Kairoer Synagoge deponiert. Sie galten vor Qumran als älteste bekannte Handschriften der Hebräischen Bibel und anderer jüdischer Schriften.

Ein fehlendes Puzzleteil für die Entwicklung des Hebräischen

Aus der Zeit zwischen dem 3. Jahrhundert vor und dem 2. Jahrhundert nach Christus jedoch war gar keine derartige Überlieferung erhalten geblieben. Ärgerlich nicht nur, weil sich das Judentum in dieser Zeit grundlegend wandelte, sondern auch weil sich eine philologische Lücke auftat. Wie sich das Hebräische vom biblischen zum rabbinischen Hebräisch entwickelte, war nicht mehr nachvollziehbar.

Ein Glücksfall half der Forschung nach. Weil das Klima am Toten Meer das Leder und die Papyri der Rollen nicht vollends zerfallen ließ, können Wissenschaftler nun auf drei Textsorten aus dieser Zeit zurückgreifen: mehrere Handschriften nahezu aller biblischen Bücher des hebräischen Kanons; außerbiblische Textreste, die heute nicht mehr im hebräischen, zum Teil aber im christlichen Kanon enthalten sind, und die Schriften der Qumran-Gemeinschaft, die sich zwar auf die Bibel beziehen, sie aber auslegen und diese Interpretation in Gemeinschaftsregeln und anderen Werken festschreiben.

Bislang nutzte das wenig. Da die 800 Rollen zum Teil in einem jämmerlichen Zustand waren, benötigte das internationale Herausgeberteam die letzten 50 Jahre nur dafür, die Handschriften zu konservieren, das riesige Puzzle aus kleinsten Fitzelchen bis hin zu wenigen, nahezu erhaltenen Rollen zu ordnen und als „Discoveries in the Judean Desert“ zu edieren. „Diese Edition ist praktisch abgeschlossen“, sagt Kratz. „Jetzt können wir mit dem Qumran-Wörterbuch darauf aufbauen.“ Ziel des Wörterbuches ist es, die nichtbiblischen Texte aus Qumran lexikographisch zu erschließen und damit die Lücke von 500 Jahren hebräischer Sprachgeschichte zu überbrücken.

Akademieprojekte und universitäre Forschung vernetzt

Zunächst von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligt, war die Herausgabe des Qumranwörterbuchs anfangs ein Unternehmen der Göttinger Universität. 2006 jedoch wurde das Wörterbuch in das Akademienprogramm aufgenommen und so seine langfristige Finanzierung sichergestellt. Gleichzeitig wurde es einer der Stützpfeiler des neuen Centrum Orbis Orientalis (CORO). Das gemeinsame Forschungszentrum der Georg-August-Universität Göttingen und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen vernetzt zum einen Akademieprojekte und die Forschung der Universität. Zum anderen versammelt sie die an der Universität vorhandenen Kompetenzen zum Akkadischen der Assyrer und Babylonier, zu den Dialekten Kanaans, zum Arabischen und zur Religions- und Kulturgeschichte des semitischen Sprachraums unter einem gemeinsamen Dach.

Auch dies sei keineswegs selbstverständlich, erklärt Kratz. Was sich im Orient über Jahrtausende entwickelte, ist an jeder Universität künstlich aufgefächert in Altorientalistik und Arabistik, in Bibelwissenschaften und orientalische Kirchengeschichte, Arabistik und die Islamwissenschaft, in Altertums- und Orientwissenschaften. Jedes für sich ist ein kleines Fach, jedes für sich von Kürzungen bedroht. Auch dem will CORO entgegenwirken. Kooperationen, die es seit jeher gab, sollen durch das Zentrum intensiviert, institutionalisiert und sichtbar gemacht werden. Die hoch spezialisierte Grundlagenforschung wird dabei durch die Akademie getragen, die thematische Arbeit und die Nachwuchsförderung dagegen hat die Universität übernommen.

„Dass wir hier nicht einfach willkürlich etwas zusammenlegen, sieht man schon an den inhaltlichen Querverbindungen zwischen Qumran- und Septuaginta-Unternehmen“, betont Kratz. Nicht nur weil beides eine editorische Arbeit sei, beides Grundlagenforschung für die Alte Philologie, Geschichte und Theologie.

Ein Solitär mit außergewöhnlichem Ruf

Seit etwa 100 Jahren arbeiten Göttinger Forscher an der historisch-kritischen Edition der Septuaginta – ein Werk, das wie kein zweites das christliche Abendland prägte. Denn die älteste durchgehende Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische und später ins Lateinische machte die Ideen des Alten Testamentes erst für diesen Kulturkreis zugänglich. Dementsprechend groß ist die Zahl der Quellen, die den Septuaginta-Forschern zur Verfügung stehen: „Es gibt Unmengen von Handschriften“, sagt Kratz. „Kein anderer antiker Text wurde derart oft abgeschrieben und übersetzt – auch ins Koptische, Syrische, Armenische und Äthiopische.“

Alle diese Varianten müssen dokumentiert und in Gruppen unterteilt werden. Nach und nach tasten sich die Forscher so zum möglichst ältesten überlieferten Text vor, zeichnen Traditionen der Textüberlieferung nach, kommen Interpretationen auf die Spur und korrigieren mitunter uralte Schreibfehler, die über Jahrhunderte zu falschen Auslegungen führten. Weltweit ist diese Edition der Göttinger Akademie ein Solitär, der Ruf umso strahlender, als selbst die Universität Cambridge ein ähnliches Unterfangen wegen fehlender Mittel einstellen musste.

Was fehlte, waren in vielen Fällen die hebräischen Originale für den in der Septuaginta überlieferten, umfangreicheren Kanon des Alten Testaments. Offenbar wurde er im Judentum umso mehr abgelehnt, je stärker er sich im Christentum als Altes Testament durchsetzte. Für die jüdischen Gelehrten gab es keinen Grund mehr, diesen Text abzuschreiben. „Durch Qumran sehen wir, dass es auch dort schon Übersetzungen der Bibel ins Griechische gab und dass dort der Kanon der Bibeltexte noch nicht fixiert war – einige Schriften kannten wir bisher nur aus der Septuaginta“, sagt Kratz. „Und wir haben endlich hebräische und aramäische Originale der außerbiblischen Apokryphen und Pseudepigraphen gefunden, die in der Septuaginta überliefert werden.“

Von 72 Weisen aus dem Morgenland

Dass diese wirklich jüdischen Ursprungs sind, belegte vor Qumran schon der Brief des Aristeas. Dieser berichtet, dass in der Regierungszeit von Ptolemaios II. der Vorsteher der Bibliothek von Alexandria eine griechische Übersetzung der jüdischen Torah für seine Sammlung gewollt habe. Auf Bitten des Königs habe daraufhin der jüdische Hohepriester Eleazar 72 jüdische Gelehrte (je sechs aus den zwölf Stämmen Israels) nach Alexandria entsandt. Diese hätten die Übersetzung in 72 Tagen vollendet. „Daher der Name Septuaginta“, erklärt Kratz. „Aber die Zahlensymbolik soll vor allem bekräftigen, dass die Übersetzung vom Heiligen Geist geleitet wurde. Also eine von Gott selbst autorisierte Fassung.“ Später wurde die Legende von den Kirchenvätern auf das gesamte Alte Testament ausgedehnt.

Auf den wahren Kern der Legende deutet zum einen die Tatsache, dass Alexandria in der Mitte des 3. Jahrhunderts vor Christus ein Zentrum des hellenistischen Judentums war. Doch die Übersetzung habe Jahrhunderte in Anspruch genommen, sagt Kratz. Nun zeigen die Funde aus Qumran eindeutig, dass auch die Teile der Septuaginta, die über den hebräischen Kanon hinausgehen, eine jüdische Grundlage haben.

Perspektiven des CORO

Für diese hoch spezialisierte Grundlagenforschung Nachwuchsforscher zu gewinnen, sei jedoch immer wieder eine Herausforderung, sagt Kratz. Zum einen brauche man lange, um sich einzuarbeiten, und dann bleibe man auch bei diesem einen Thema. Eine Arbeitsweise, die nicht jedem liegt. „Wir hoffen, dass CORO uns da hilft.“ Denn die Nachwuchsförderung ist ebenfalls ein Hauptziel des Zentrums. Neben einem DFG-Projekt zu den sumerischen und akkadischen Texten aus Assur und einer Editionsreihe von klassischen griechisch-römischen Texten der späteren Antike (SAPERE), untersucht ein Graduiertenkolleg interdisziplinär, wie sich das Verhältnis von Monotheismus und Polytheismus in den Religionen der Antike entfaltete. Geplant sind außerdem ein interdisziplinärer Studiengang zu den Alten Kulturen und ein Zentrum für die Alten Sprachen, in dem die Studierenden auf ihren Studiengang zugeschnittene Sprachkurse belegen können.

„Angeregt durch die angebliche „Wissensgesellschaft“ entwerfen wir im Moment noch einen Sonderforschungsbereich“, sagt Kratz. „Wobei Wissen für uns ein unbefriedigender Begriff ist. Im CORO geht es eher um Weisheit.“ Denn darunter fielen in der Antike alle möglichen Formen des Wissens – ob nun technisches Know how oder Philosophie, Handwerk oder das Wissen der Priester und Propheten. Damals habe die Wahrnehmung vorgeherrscht, dass es hinter allem Wissen immer noch eine weitere Dimension gebe, sagt Kratz. Ein Ideal vom Wissen und seinen Lebenszusammenhängen, das heute zugunsten der Anwendbarkeit vergessen wurde. Nicht zuletzt Alexandria, der Entstehungsort der Septuaginta, sei ein großes Zentrum für Wissen und Weisheit gewesen, und auch in Qumran habe man Weisheitsschriften gefunden.

Solche Verbindungen herzustellen, sei durch das Zentrum leichter geworden. „Man kann sich das CORO wie ein Haus vorstellen“, sagt Kratz. „Es gibt viele separate Wohnungen, manche werden erst noch ausgebaut. Und dann gibt es Gemeinschaftsräume und Nachbarschaftshilfe.“

Druckversion

Redaktion
Union der deutschen Akademien
der Wissenschaften
Büro Berlin
Myriam Hönig (v.i.S.d.P.)
Dr. Annette Schaefgen
Markgrafenstr. 37
10117 Berlin
Tel. 030 / 325 98 73 72
schaefgen@akademienunion-berlin.de

  Die AkademienBerlinGöttingenMünchenLeipzigHeidelbergMainzDüsseldorf  Impressum