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SALZBURG. Manchmal braucht eine feine Dame keinen Prinz, um aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Akribische Musikwissenschaftler reichen vollkommen. Zumindest für Sandrina, die „Gärtnerin aus Liebe“. Das Autograph zum I. Akt der Oper des erst 19-jährigen Mozart ging bereits zu seinen Lebzeiten verloren, danach existierte ihre italienische und deutsche Fassung jeweils nur noch als Torso. Die Editoren des Werkes in der Neuen Mozart-Ausgabe aus dem Akademienprogramm jedoch konnten für den I. Akt Ersatzquellen und auch ein Textbuch der deutschen Fassung heranziehen. Erstmals gaben sie „La Finta Giardiniera“ komplett heraus, so dass Sandrina wieder durch ein Labyrinth leidenschaftlicher Verstrickungen irren kann. Nun am Anfang des Mozartjahres findet sie sich statt im Garten des Podestà in einem Baumarkt wieder. Und wird in Doris Dörries Inszenierung am Landestheater Salzburg gefeiert.
Dr. Dietrich Berke freut das besonders. Seit über 30 Jahren leitet er zusammen mit Prof. Dr. Wolfgang Rehm die Neue Mozart-Ausgabe (NMA). Eine ganze Reihe spektakulärer Neuausgaben bekannter Mozartwerke sind seitdem gelungen, aber „La Finta Giardiniera“ ist ihm die liebste: „Wir waren die ersten, die dieses Werk vollständig in der italienischen und der deutschen Urfassung rekonstruieren konnten“, sagt er. Vorher fehlte von der italienischen Uraufführungsfassung der erste Akt und damit auch die Rezitative. In der deutschen Singspielfassung von 1779/80 dagegen wurden wie es üblich war die Rezitative durch gesprochene Dialoge ersetzt. Die aber wurden in den Abschriften bestenfalls als Stichworte überliefert. Bis auf ein einziges Mal: Eine Abschrift in Brünn überliefert als einzige Quelle das Werk auf italienisch, und auch für die deutsche Singspielfassung ist glücklicherweise ein Textbuch erhalten. Robert Münster hat als erster beide Quellen ausfindig gemacht und beschrieben.
Für „Don Giovanni“ und „Idomeneo“ entwirrten die Mozartforscher der NMA dagegen bislang aufgeführte Mischfassungen. „Don Giovanni“ beispielsweise wurde hier 1968 von den Musikwissenschaftlern Wolfgang Plath und Wolfgang Rehm erstmals so ediert, dass die Prager Uraufführung von 1787 deutlich von dem zu unterscheiden ist, was Mozart später in Wien dazu komponiert hat. „Ich kenne kein Opernhaus, das sich heute nicht nach der NMA richten würde“, sagt Berke.
„Plötzlich ging alles!“
Dabei hatte die NMA seit ihrem Gründungsjahr 1954 unter einem massiven Handicap zu leiden: 120 Mozart-Autographe galten als verschollen. Darunter ein Akt von „Cosí fan tutte“, aber auch Teile des „Idomeneo“, des „Figaro“ und der „Entführung aus dem Serail“ sowie die gesamte Zauberflöte. 500 große Kisten voller berühmter Handschriften waren im Zweiten Weltkrieg aus der Berliner Staatsbibliothek ins sichere Schlesien ausgelagert worden, um sie vor den Bomben zu schützen. Dort lagen sie bis 1947 auf den Emporen des Benediktinerklosters Grüssau doch als der Eiserne Vorhang gefallen war, brachte die polnische Regierung die Bestände in Sicherheit. Seitdem galten sie als verschollen.
So ging es bis Ende der 1970er Jahre. Bis ein kanadischer Pianist bei den Editionsleitern der NMA, Rehm und Berke, in Kassel auftauchte und gar wundersame Dinge berichtete: Er hätte alle verschollenen Autographe Mozarts gesehen. In Krakau, in der Jagiellonischen Bibliothek. Alle seien sie da, eine Liste habe er bereits vorbereitet. Rehm und Berke konnten es kaum glauben. Sofort schrieben sie an die Bibliothek, baten um Mikrofilme und um Einsicht in die Originale. Kein Problem, kam die Antwort aus Polen. „Plötzlich ging alles!“ Noch heute ist Dietrich Berke begeistert. „Das war eine Sternstunde für die NMA, da war ein gordischer Knoten durchhauen.“
Anfangs hatten die Musikwissenschaftler die Bände, für die die Autographe fehlten, hintangestellt. Doch auf Dauer ging das nicht: „Wir mussten eine Reihe von Bänden ohne diese Quellen edieren. Oder auf die relativ unzuverlässige Alte Mozart-Ausgabe zurückgreifen.“ Damit war es nun vorbei: Alle Mitglieder der Editionsleitung und einzelne Bandherausgeber fuhren mehrfach nach Krakau und schöpften die neuen Möglichkeiten aus.
Von Wasserzeichen und Schriftendeutung
Hilfe nahte auch aus gänzlich unvermuteter Richtung: Der britische Psychoanalytiker Alan Tyson analysierte Mozarts Papiere und ihre Wasserzeichen so genau, dass er ein engmaschiges Datierungsnetz erstellen konnte. Mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit ließen sich plötzlich vorher nicht exakt datierbare Werke einordnen. „Tyson hat an vielen Stellen das Köchelverzeichnis widerlegt“, sagt Berke. „Und das durch so eine dröge Hilfswissenschaft!“ Der dazugehörige Wasserzeichenkatalog erschien 1992 in der NMA.
Ergänzt wurden diese Erkenntnisse durch die Schriftenanalyse von Wolfgang Plath, bis zu seinem frühen Tod 1995 Mitglied der Editionsleitung. Lange Zeit war es nicht ohne weiteres möglich, die Handschriften von Wolfgang Amadeus Mozart und seinem Vater Leopold zu unterscheiden. Gerade in den frühen Werken griff der einzige Lehrer Mozarts immer wieder korrigierend ein oder ergänzte Teile. Und der Sohn ahmte die Schrift des Vaters nach.
Plath entwirrte das Knäuel und kannte danach die Mozartsche Handschrift so genau, dass er zusätzlich eine klare Schriftchronologie erstellen konnte. „Die Handschrift eines Menschen verändert sich im Laufe der Zeit“, erklärt Berke das Vorgehen. „Gerade in jungen Jahren kann man das gut sehen.“ Für Mozart fällt diese Jugendzeit in die Jahre zwischen 1770 und 1780. Eine Zeit, aus der auch die meisten zuvor nicht datierten Autographe stammten.
„Die Ergebnisse aus Tysons Papier- und Wasserzeichenanalysen und Plaths Schriftenchronologie haben sich auf verblüffende Art und Weise gegenseitig bestätigt“, sagt Berke. Ein Durchbruch für die Mozartforschung des 20. Jahrhunderts. Denn nun konnte man endlich auch eine andere Sicht auf die Fragmente Mozarts entwickeln und Einsteins Theorie vom „schöpferischen Anlauf“ widerlegen. Ein Fragment, so diese These, sei in den meisten Fällen ein missglückter Versuch gewesen, der durch ein späteres Werk aufgehoben sei. Ein Anlauf eben.
So wie bei dem Streich-Divertimento in Es-Dur, KV 563 und dem Fragment gleicher Besetzung in G-Dur, KV 562e. Einstein hatte das G-Dur-Fragment als „schöpferischen Anlauf“ zu KV 563 interpretiert und es in der von ihm herausgegebenen dritten Auflage des Köchelverzeichnisses von 1937 zeitlich unmittelbar vor KV 563 eingeordnet. Als Nummer 562e. Doch Tyson zeigte, dass das nicht stimmen kann: Das Papier, auf dem das Fragment geschrieben ist, ist deutlich jünger. Und selbst große Werke sind anscheinend über einen viel längeren Zeitraum entstanden, als man es vorher annahm. Auch sie waren Fragment, bis sie Mozart wieder zur Hand nahm und zu Ende schrieb. „Das kratzt natürlich an dem Mythos, Mozart habe seine Kompositionen von höherer Stelle eingegeben bekommen und habe gar nicht hart gearbeitet“, sagt Berke. „Aber diese Fehleinschätzung hat glücklicherweise der Würzburger Musikwissenschaftler Ulrich Konrad, der sich über die Fragmente und Skizzen Mozarts habilitiert hat, schlagend widerlegt.“
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