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WÜRZBURG. Der Götterliebling Mozart, so geht die Legende, habe seine Kompositionen sehr schnell und vollständig im Kopf entworfen, sie wie auf einer Computer-Festplatte abgespeichert und dann nur noch mechanisch aufgeschrieben. Egal, was um ihn herum geschah, das Genie ließ sich nicht beirren. „Unsinn“, sagt Prof. Dr. Ulrich Konrad. Der Würzburger Musikwissenschaftler hat für die Neue Mozart-Ausgabe (NMA) aus dem Akademienprogramm die Skizzen und Fragmente Mozarts ediert und ist dabei dem wahren Schaffensprozess Mozarts näher gekommen. Aus der Komponiermaschine macht er wieder einen Menschen. Einen unglaublich arbeitsamen und begabten.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie überhaupt bis in unsere Zeit überdauerten: Constanze Mozart hielt die Skizzen und Fragmente nach dem Tod ihres Mannes für „völlig unbrauchbar“. Kein Verleger wollte die Fragmente, die unleserlichen Skizzen erst recht nicht, und Constanze packte vieles zum Altpapier. Auch als Mozarts Ansehen immer weiter stieg, waren diese Handschriften im besten Fall Reliquien wer keine Locke bekam, gab sich eben mit einem vermeintlichen Schmierzettel zufrieden. Ernsthafte Musikwissenschaftler interessierten sich nicht dafür. Das verehrte Genie, das seine Kompositionen quasi von einem höheren Wesen eingeflüstert bekam, brauchte so etwas nicht. Und wenn, dann konnte es keine besondere Bedeutung haben.
Ein Irrtum, wie Ulrich Konrad bewies. Beide Quellenarten können einen realitätsnahen Einblick in die Entstehung vieler Mozart-Werke geben. Da wären zum einen die Skizzen Konrad bezeichnet sie als „privatschriftliche Aufzeichnungen“. So privat, dass nur Mozart sie lesen konnte. „Das ist wie mit einem Einkaufszettel“, erklärt er. „Wenn wir so etwas im Alltag schreiben, achten wir auch nicht darauf, dass ihn andere gut lesen können. Nur wir müssen ihn entziffern können.“ Mozart ersetzte die konventionelle Notenschrift durch kleine Häkchen, dünne Striche und unendlich viele Abkürzungen für ihn Musik, für jeden anderen eine Herausforderung.
Konrad nahm sie an. „Eine paläographische Aufgabe“, kommentiert er den Prozess des Entzifferns. Ein bisschen wie das Übersetzen von Hieroglyphen. „Man muss sich immer wieder sagen, dass es einen sinnvollen musikalischen Text ergeben muss und sich komplett in diese Schrift eindenken.“ Zuerst habe er nach offensichtlichen Stellen gesucht, von dort konnte er nach und nach weitere Stückchen lesen. Ein großes Puzzle, das Jahre brauchte bis er heute 99,99 Prozent der Skizzen entschlüsselt hat.
Die Mühe wurde belohnt. In den 100 erhaltenen Skizzenblättern mit 330 Skizzennotizen fand er Ausschnitte, Verläufe und Kompositionen besonders schwieriger Stellen aus Mozarts Werken. Eine Arie aus der Zauberflöte etwa hatte Mozart immer wieder neu ausprobiert: Wie könnte diese Variante klingen? Passt es so? Sein musikalisches Gespür irrte fast nie: Für den Zuhörer klingt jede Note so, als könne gar keine andere an ihrer Stelle stehen.
War die „richtige“ Version gefunden, warf er die Skizzen entweder weg oder benutzte sie wie jeden anderen Zettel als Lesezeichen oder auch als Schmierzettel für die Haushaltsführung, so dass sie eher zufällig bis heute erhalten blieben. In der Neuen Mozart-Ausgabe kamen sie 1998 zu Ehren. In einer Kassette liegen nicht nur 100 Blätter mit farbigen Reproduktionen dieser Skizzen, Konrad hat auch jedes Blatt in eine heute lesbare Notenschrift übersetzt und mit einem wissenschaftlichen Kommentar versehen. Eine Pionierarbeit, die vor ihm keiner für nötig hielt.
Auch die Kompositionsfragmente Mozarts bilden seit 2002 einen großen Notenband der NMA mit gut lesbaren Faksimiles der Autographe, jedes für sich eine in sich geschlossene musikalische Einheit. Der einzige Unterschied zu den bekannten Werken: Mozart hat die 155 Stücke nicht vollendet. Warum jedoch gibt es so viele? „Eine leicht gestellte Frage“, sagt Konrad, „auf die es keine leichte Antwort gibt. Jedenfalls sind es keine Dokumente des Scheiterns.“
Manchmal sei einfach die Gelegenheit entfallen, zu der er das Werk komponierte. Dennoch hob er Fragmente gut auf und schloss sie zum Teil Jahre später ab, wie Papier- und Schriftanalysen ergaben. Möglicherweise waren sie aber auch ein Materialfundus. Immer, wenn sich Mozart einer bestimmten Gattung zuwandte, finden sich für diese Zeit auch besonders viele Fragmente: Streichquartette etwa oder Kyriesätze. Jedes für sich kann einen Ausgangspunkt für ein geplantes Werk markieren. „Aber sie waren kein Steinbruch“, wie Konrad betont. „Mozart hat nie Teile aus den Fragmenten in andere Werke eingearbeitet.“
Mozarts Schaffensprozess gliedert der Musikwissenschaftler in vier Phasen: das Eindenken und die Improvisation am Klavier, anschließend die Skizzen und eine Entwurfspartitur. „Mozart hat erst 50 bis 100 Takte der Hauptmelodiestimme von Violine, Cello und Kontrabass und die Bassstimme komponiert. Dann ging er wieder zurück und schrieb die anderen Stimmen auf“, sagt Konrad. 23.000 Notenseiten entstanden so in knapp dreißig Jahren. Jeder andere Mensch hätte mehr Zeit gebraucht, diese einfach nur abzuschreiben, geschweige denn zu komponieren. „Der Mann hat unglaublich viel gearbeitet und das sehr zielsicher. Er hat ganz genau gewusst, was er wollte.“ Und diese Begabung in den Skizzen und Fragmenten zu sehen, sei faszinierender als jede Vorstellung von einer genialen, aber von Göttern gesteuerten Marionette.
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