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HEIDELBERG. Constanze hatte keine Chance. Egal was sie tat, die Nachwelt hatte ihr Urteil über die Frau von Wolfgang Amadeus Mozart bereits gefällt: Eine schlechte Haushälterin sei sie gewesen, ein liederliches Weib. Vor allem jedoch habe diese „bestürzend banale“ Frau das Genie ihres Mannes nicht erkannt. Keine gute Ehe, da schlossen sich die Mozartforscher dem Vater Leopold Mozart an. Prof. Dr. Silke Leopold, ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, versucht nun eine Ehrenrettung.
Eine kreuzbrave Hausfrau war Constanze wohl nicht. Und konnte eine Frau ehrbar sein, der Mozart so schlüpfrige Briefe schrieb? „Wissen Sie“, sagt Silke Leopold, „die Musikhistoriker, die in der älteren Mozartforschung über Constanze geschrieben haben, waren ältere, bürgerliche Männer. Mit bestimmten bürgerlichen Vorstellungen davon, wie eine Frau zu sein hat.“ Dem Idealbild, das sie sich von einer Künstlergattin machten, entsprach sie nicht. Als Retourkutsche wurde ihr alles angelastet, was im Mozartschen Haushalt schief ging. Der Meister selbst dagegen, so die Meinung, war ohne Fehl und Tadel.
„Das muss man zumindest mit großen Fragezeichen versehen“, meint Silke Leopold. Wenn Constanze die finanzielle Misere Mozarts verursacht haben soll, wieso erwies sie sich dann mit dem Tag seines Todes als eine Frau, die sehr wohl mit Geld umgehen konnte? Völlig auf sich allein gestellt, musste sie für sich und ihre Söhne sorgen und hat diese Aufgabe mit Bravour gemeistert. Selbst die 3.000 Gulden Schulden, die Mozart ihr hinterlassen hat, hat sie beglichen und zusätzlich unter anderem durch den Verkauf der Mozart-Partituren ein Vermögen von 27.000 Gulden angehäuft. „Viel wahrscheinlicher ist, dass Mozart selbst das Geld mit vollen Händen ausgegeben hat“, sagt Leopold. Und das zum Teil ohne das Wissen seiner Ehefrau. So schrieb er ihr manchmal von seinen Reisen, wie schlecht er verdient habe. Die Quellen belegen, dass das Gegenteil der Fall war. „Da wundert man sich, wo das ganze Geld geblieben ist. Vielleicht hat er es beim Billard verspielt oder war in zwielichtige Spekulationen verwickelt.“
Von solchen menschlichen Fehlern jedoch wollten die Mozartforscher vergangener Tage nichts wissen. Ein makelloses Werk deute schließlich auf einen makellosen Schöpfer hin. „So ist das mit der Genieverehrung“, sagt Leopold. „Als würde es die musikalische Leistung kontaminieren, dass Mozart auch nur ein Mensch war.“ Stattdessen wurde alles auf Constanze abgewälzt.
Dabei ist sie historisch gesehen die erste Künstlerwitwe, die sich nach dem Tod ihres Mannes der Verbreitung und der Pflege des Werkes widmete. Ihr ganzes Witwendasein, immerhin 50 Jahre, verbrachte sie damit, Partituren zu verkaufen, zu reisen und die unbekannten Stücke Mozarts aufzuführen. Doch natürlich war auch das nicht recht. Raffgierig sei sie halt auch noch gewesen. Silke Leopold findet dieses Urteil genauso falsch wie die Vorstellung, sie habe das Geld nicht zusammenhalten können: „In der Nähe einer Lichtgestalt kann es nur Schatten geben. Egal was man tut.“
Nicht einmal eine glückliche Ehe wurde ihr zugestanden. „Und da spricht nun alles dagegen, was wir aus Mozarts Briefen an Constanze wissen“, sagt Leopold. Sie hat die Briefe ediert, in diesem Jahr sind sie unter dem Titel „Guten Morgen, liebes Weibchen!“ bei Bärenreiter erschienen. Jedes dieser intimen Dokumente spreche von einer großen Liebe, erotischer Anziehung und auch der Sorge Mozarts um seine Frau.
Auch wenn es keine Liebe auf den ersten Blick war. Als Mozart die Familie Weber 1777 in Mannheim besuchte, verliebte er sich zunächst unsterblich in ihre ältere Schwester Aloysia. Sie war der aufgehende Stern am Opernhimmel, Constanze dagegen ein 16-jähriges Mädchen, das er nicht beachtete. Doch als er drei Jahre später nach Wien übersiedelte, hatte sich die Geschichte mit Aloysia längst zerschlagen. Stattdessen traf er bei den „Weberischen“ auf eine junge Frau namens Constanze und verliebte sich erneut. „Und das hat er sich wohl wirklich“, sagt Leopold.
Abgesehen davon setzte er die Heirat mit der nunmehr 19-Jährigen gegenüber seinem wenig begeisterten Vater durch. Mit ziemlich drastischen Mitteln. Denn Leopold Mozart hatte sein Einverständnis verweigert, erst Tage nach der Hochzeit traf es noch ein. „Dass er sich über das Recht seines Vaters hinwegsetzte, das ist sehr ungewöhnlich für die Zeit“, meint Silke Leopold.
„Herzensweibchen“ nannte er Constanze in seinen Briefen, oder auch „allerliebstes Weibchen“ und „beste Freundin“. Und pflegte ein relativ offenes Verhältnis mit ihr. Manchmal allerdings kamen auch Vorwürfe: Mit diesem oder jenen sei sie allzu frei umgegangen. Er wisse ja, dass sie ihn nicht betrüge, allein der gute Ruf … „Da hört man fast den Vater Leopold sprechen“, sagt Silke Leopold. Doch eigentlich, findet sie, sind solche Geschichten nur Beiwerk. Die Musik Mozarts fasziniere sie. Aber nebenbei muss auch noch ein wenig Zeit bleiben für eine Ehrenrettung. Diese gesammelten Vorurteile habe Constanze einfach nicht verdient.
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