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Vom Polytheismus zu dem einen Gott

GÖTTINGEN. Lange Zeit lebten die Juden ohne Torah, waren das erste Gebot und die biblische Überlieferung nur eine Randerscheinung im Volke Israel. Doch obwohl es weder sozial noch religiös von seinen Nachbarn zu unterscheiden war, brachte es eine bis heute wirkungsmächtige Literatur hervor. Darauf weisen zumindest die Analysen des Göttinger Alttestamentlers Reinhard Gregor Kratz hin.

Wer heute die Bibel liest, hat den Eindruck, alles war von Anfang an da: Die Welt wird erschaffen, Gott offenbart Moses seinen Willen und in der Folgezeit wird das erwählte Volk Israel daran gemessen, ob es sich an die Gebote hält oder nicht. Bei Fehltritten wird es bestraft und findet so auf den rechten Weg zurück. „Die neuere Archäologie und die Epigraphie lehren uns, dass dieses Geschichtsbild einer kritischen Prüfung nicht standhält“, meint der Göttinger Alttestamentler Prof. Dr. Reinhard Gregor Kratz. „Viel wahrscheinlicher ist, dass sich die Thora und damit der Monotheismus erst durchsetzen mussten.“

Seit seiner Promotion und Habilitation an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich widmete er sich zunächst der apokalyptischen und der prophetischen Literatur, später auch der Erzählliteratur des Alten Testaments. Großartige Texte seien das. Ganze Generationen hätten an den Propheten-Büchern geschrieben. „Mich interessiert, wie dieser Prozess vonstatten ging, wie er hermeneutisch zu verstehen ist, und was Menschen dazu bewogen hat, unter dem Namen Jesaja etwas aufzuschreiben, das nicht von dem Propheten stammt“, sagt Kratz. Vor allem jedoch: Wie ist es zu einer Religionsform gekommen, die ohne ihre tragenden Institutionen, das Königtum und den Tempel, existieren kann? Wie hat sich diese spezielle Traditionsliteratur herausgebildet?

Um das redaktionsgeschichtliche Wachstum der Bibel zu rekonstruieren, nutzt er die Möglichkeiten der so genannten literarhistorischen Analyse. „Niemand bezweifelt ernsthaft, dass die Bibel nach und nach entstanden ist, und dass man dieses Wachstum bis zu einem bestimmten Punkt nachvollziehen kann“, sagt Kratz. „Die Frage ist nur, wie weit man damit kommt. Manche halten den Überlieferungsvorgang für zu komplex. Ich bin optimistischer.“ Schließlich habe der jüdische Traditionsvorgang die Eigenheit, eher zu bewahren als zu kürzen. Das sei eine Hilfe.

Umso mehr erstaunt es, dass es noch in persischer Zeit auf der Nilinsel Elephantine in Ägypten eine jüdische Gemeinde gab, die die Bibel offenbar nicht kannte. Diese Gemeinde verehrte Jahwe in einem eigenen Tempel außerhalb Jerusalems, was nach dem jüdischen Gesetz verboten ist. Dennoch informierte sie die Priester in Jerusalem darüber, dass Ägypter den Tempel in Elephantine zerstört hatten und sie ihn wiederaufbauen wolle. „Als sei dies ganz selbstverständlich“, sagt Kratz. Für ihn lasse das nur zwei Schlüsse zu: Entweder wusste es die versprengte Gemeinde nicht besser oder sie tat etwas, das damals noch völlig unanstößig war.

Der Alttestamentler favorisiert die zweite Variante: „Vielleicht war nicht nur den Menschen in Elephantine die Bibel unbekannt, vielleicht hat in persischer und hellenistischer Zeit die Mehrzahl der Juden ohne die Torah gelebt. Vielleicht war die Bibel eine Randerscheinung, die sich erst allmählich durchgesetzt hat“, sagt er. Dann wären es kleine fromme Zellen wie die Qumran-Gemeinschaft, die das Fundament zum heutigen Judentum legten. Sie tradierten bereits die Torah und die meisten anderen Texte des Alten Testaments. Den Tempel in Jerusalem dagegen hielten sie für unrein. Kratz, der auch die Herausgabe des Qumran-Wörterbuchs innerhalb des Akademienprogramms leitet, deutet dies als möglichen Hinweis darauf, dass in ihrer jüdischen Umwelt so geglaubt und geopfert wurde wie seit Urzeiten – nämlich ohne die Torah.

Israel und Juda, so seine These, waren in der Anfangszeit in keiner Weise von anderen Völkern der Region unterscheidbar. Weder sozial noch religiös. Sie hatten zwar nicht so viele Götter wie die Bewohner Mesopotamiens, aber sicher kannten sie noch nicht das erste Gebot. „Jahwe war für sie nichts anderes als der Baal der anderen. Einer unter vielen“, sagt Kratz Alles andere sei nachträglich konstruierte Geschichte. Allerdings eine, die eine enorme Wirkung entfaltete.

„Manch einer will diesen Prozess in seiner ganzen Konsequenz nicht wahrhaben und versucht zu beweisen, dass Israel schon immer etwas Besonderes war“, sagt Kratz. Dabei nehme man den Texten ihre eigentliche Größe und Würde: „Es ist doch viel eindrucksvoller, dass diese großartige theologische Literatur einer Kultur entstammt, die genauso war wie alle anderen um sie herum. Und dass diese Kultur etwas schuf, das so völlig anders ist und bis heute überdauert hat.“


Weiterführende Literatur (Auswahl)

Dissertation:
Translatio imperii. Untersuchungen zu den aramäischen Danielerzählungen und ihrem theologiegeschichtlichen Umfeld (Fotodruck Zürich 1987), WMANT 63, Neukirchen-Vluyn 1991.

Habilitationsschrift:
Kyros im Deuterojesaja-Buch. Redaktionsgeschichtliche Untersuchungen zu Entstehung und Theologie von Jes 40-55. FAT 1. Tübingen, 1991.

Sammlung von wissenschaftlichen Aufsätzen:
Das Judentum im Zeitalter des Zweiten Tempels. FAT 42. Tübingen, 2004.

Allgemeinverständlich:
Der Brief des Jeremia, übersetzt und erklärt. ATD-Apokryphen 5. Göttingen, 1998, S. 69-108.

Die Komposition der erzählenden Bücher des Alten Testaments. Grundwissen der Bibelkritik. UTB 2157, Göttingen, 2000. (Englische Ausgabe 2005 erschienen)

Die Propheten Israels. Beck’sche Reihe Wissen, München, 2003.

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