Novum Testamentum Graecum: Editio Critica Maior (ECM)

Neutestamentliche Texte sind in ihrer griechischen Ursprache in ca. 5500 Handschriften erhalten. Man kann davon ausgehen, dass praktisch keine Kopie mit einer anderen identisch war. Somit ergibt sich als wichtigste Aufgabe der neutestamentlichen Textforschung die Rekonstruktion der Textform, von der die Überlieferung ihren Ausgang nahm.

Bislang musste die Wissenschaft noch "Große Ausgaben" nutzen, die 1872 und 1913 zum Abschluss gekommen waren. Die Zahl der bekannten Handschriften hat sich inzwischen vervielfacht. Die ECM als umfassende Ausgabe des griechischen Neuen Testaments hat den Anspruch, auf der Basis aller erreichbaren Manuskripte das gesamte Material zur Verfügung zu stellen, das für die Erforschung der Textgeschichte und für die Rekonstruktion des Ausgangstextes der Überlieferung relevant ist. Dabei werden die erhaltenen griechischen Handschriften, die Zitate aus dem Neuen Testament bei den alten christlichen Schriftstellern und die alten Übersetzungen des Neuen Testaments einbezogen, allen voran die ins Lateinische, Koptische und Syrische.

  • Novum Testamentum Graecum: Editio Critica Maior

    AWK NRW

Für die Forschung stellt sich die Frage, wie die unterschiedlichen Textformen, die wir in den Handschriften finden, untereinander zusammenhängen. Das Hauptproblem ist dabei, dass es immer wieder zu Kontaminationen kam, d.h. dass Kopisten ihren Text an mehr als einer Vorlage orientierten und so Textformen vermischten. Bislang galt es als unmöglich, Stammbäume von kontaminierten Textformen zu gewinnen. Doch bei der ECM wird eine völlig neue computergestützte Methode angewandt, die es erlaubt, die genealogische Struktur einer kontaminierten Überlieferung zu erheben und so zu einem sehr differenzierten Bild der Textgeschichte zu gelangen. Die Rekonstruktion des Ausgangstexts der Überlieferung erhält damit eine ganz neue Basis.

Die Publikation erfolgt in Textbänden, denen solche mit "Begleitenden Materialien" und Untersuchungsbände zugeordnet sind. Der Textband und die "Begleitenden Materialien" des Pilotprojekts der ECM, der Katholischen Briefe, sind bereits erschienen.

In der Editionstechnik werden darüber hinaus auch neue Wege beschritten. So wird künftig das gesamte Material, das hinter der ECM steht, online zur Verfügung gestellt. Schließlich gehören Programme zu diesem elektronischen Zweig der Edition, die es dem Nutzer ermöglichen, dieselbe innovative Methode wie die Editoren auf das Material anzuwenden und damit eigenen Fragestellungen nachzugehen.

Das Münsteraner Institut für neutestamentliche Textforschung hat die umfangreichen Vorarbeiten zur ECM erbracht und trägt für sie die editorische Verantwortung. Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften fördert das Projekt von 2008 an und hat die Arbeitstelle "Novum Testamentum Graecum. Editio Critica Maior" an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster eingerichtet.

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