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„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ – nicht das einzige Sprichwort, das unsere Unsicherheit im Umgang mit der Sprache wiedergibt und zur Vorsicht mahnt. Wissenschaftler gehen lieber in die Offensive und machen die „Netze der Sprache“ sichtbar, in denen wir alle zappeln. Wer wissen wollte, wie wir mit Sprachwandel umgehen, woher der Maulwurf seinen Namen hat oder wie die Sprachbilder Altägyptens von der Tempelwand ins Internet kommen, war am 27. Mai am Berliner Gendarmenmarkt goldrichtig:
Die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften lud gemeinsam mit renommierten Forschern der acht Mitgliedsakademien zu Sprachexpeditionen ein.
Der diesjährige Akademientag (vollständiges Programm) war bereits die dritte große Gemeinschaftsveranstaltung aller acht in der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften zusammengeschlossenen Akademien. Er zeigte einmal mehr, dass an deren Sachverstand, Ideen und Forschungsergebnissen ein erfreulich großes öffentliches Interesse besteht: Etwa 2600 Besucher, darunter zahlreiche Schülergruppen, kamen, um sich ein eigenes Bild zu Kiezdeutsch, Jugendsprache oder Gebärdensprache zu machen, sie unternahmen einen Spaziergang zum Sitz der Sprache im Gehirn, lernten äffische Kommunikation kennen und disktuierten mit dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf, inwiefern sich die „letzten Dinge“ in Sprache fassen lassen. Einige Eindrücke vom Tag:
FOTOSTRECKE TAG
Wenn der Paternoster Pause hat, muss in der Jägerstraße 22/23 ein besonderer Tag sein. Zum Beispiel der 27. Mai 2009. Damit nicht der Weg vom großen Leibnizsaal im Erdgeschoss zum kleineren Einsteinsaal unter dem Dach zum Ziel des Tages wurde, hatte man den offenen Aufzug der Akademie vorübergehend abgestellt. Schließlich können schon Erwachsene der nostalgischen Attraktion kaum widerstehen, ganz zu schweigen von etwa 2600 Schülerinnen und Schülern, die die Akademienunion an diesem Tag zu Vorträgen und Workshops besuchten.
Offensichtlich gut gelaunt legten die Gäste die Strecke also mit dem normalen Fahrstuhl oder über die Treppe zurück. Dabei bestaunten sie ausgiebig die Rotunde - auch diese eine kleine Attraktion des Hauses. Ganz oben angekommen erwartete die Besucher im Einstein-Saal eine Serie von Vorträgen von Mitgliedern aller acht Länderakademien.
Heuschreckensex hat aus menschlicher Perspektive nur ein begrenztes erotisches Potenzial. Doch wenn Professor em. Dr. Norbert Elsner über deren Paarungsgesänge und die Folgen spricht und ganz nebenbei noch einen Abriss der Heuschrecken- und Grillenforschung mit entsprechender historischer Bebilderung liefert, hatte dies nicht nur einen hohen Info-, sondern auch Unterhaltungswert.
„Wo geht’s denn zu den Affen?“ Die Kommunikation unserer haarigen Verwandten stieß auf besonders reges Interesse. Die Hoffnung auf ein baldiges Schwätzchen mit ihnen machte Professor Dr. Julia Fischer, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Leiterin der Forschungsgruppe für Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum Göttingen, jedoch zunichte: Sehr anschaulich machte sie deutlich, wo der äffischen Sprachfertigkeit strukturelle Grenzen gesetzt sind und zu welchen Interpretationsleistungen manche andererseits in der Lage sind. Eine Gruppe älterer Schüler spornte dies im Anschluss zu einer philosophischen Diskussion an: „Wir messen eben nur mit menschlichen Maßstäben. Vielleicht ist der Affe auf ganz andere Weise intelligent und wir merken es nur nicht.“
Wie falsch unsere Wahrnehmung manchmal sein kann, machte im bis auf den letzten Platz gefüllten Leibniz-Saal auch Professor Dr. Heike Wiese deutlich. Ihre These: Kiezdeutsch ist keineswegs eine Bedrohung des Hochdeutschen und auch nicht – wie oftmals vermutet und mit abschätzigen Kommentaren bedacht – ein fehlerhafter Deutsch-Verschnitt derer, die es nicht anders können. Vielmehr handele es sich beim Kiezdeutschen um eine bewusst gewählte Dialektvariante. Mit ihr können Jugendliche mit Migrationshintergrund sich abgrenzen und provozieren; die meisten jedoch könnten sich durchaus standardsprachlich ausdrücken, wenn es die Situation verlangt – so wie es auch den meisten Anhängern der extrem verdichteten Chat-Sprache gelingt, die Professor Dr. Angelika Storrer untersucht bzw. den Sprechern anderer Formen der Jugendsprache, die Professor Dr. Helmut Henne vorstellte. Ihnen allen ging es dabei weniger um eine Verherrlichung eines Slangs, sondern darum, auch diese Formen der Sprache ernst zu nehmen und entsprechend zu analysieren.
Rund um den Leibnizsaal konnten die Schüler und andere interessierte Besucher selbst aktiv werden: Neben den Präsentationen verschiedener Vorhaben aus dem Akademienprogramm rund um die Sprache, etwa zur Geschichte der Hieroglyphenentschlüsselung und zum Projekt Regionalsprache.de, gab es auch einen Schnupperkurs in Gebärdensprache, Prof. Dr. Jürgen Udolph erklärte Orts- und Familiennamen und beim Wettbewerb „Sprachspione“ galt es, so manchen Sprach-Code zu knacken.
Der Abend dagegen war geladenen Gästen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Medien vorbehalten. Etwa 270 kamen zu der Festveranstaltung und lauschten unter anderem einem Zwiegspräch zwischen dem Chemiker Prof. Helmut Schwarz und dem Schriftsteller Marcel Beyer zu „Sprache, Dichtung und Wissenschaft“, den Ausführungen zur Sprache des Rechts von dem Staatsrechtler Prof. Paul Kirchhof, der zur Unentrinnbarkeit der Sprache fragte: „Wie abhängig sind wir von Worten?“ und den Lesungen der Schauspielerin Jutta Lampe aus Goethes „Wahlverwandtschaften“ und den Schriften von Wilhelm von Humboldt. Mit Mendelssohn Bartholdy klang der ereignisreiche Akademientag aus. Zur Abwechslung ganz ohne Worte. (Text: Annette Zerpner, Jana Schlütter; Bilder: Mathias Königschulte)
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