Kleine Akademiegeschichte
Was ist eigentlich eine Akademie der Wissenschaften?

Akademien der Wissenschaften sind Gesellschaften, denen ein gewählter Kreis von Gelehrten angehört, die sich durch hervorragende wissenschaftliche Leistungen ausgewiesen haben. Eine Akademie der Wissenschaften ist somit eine Gelehrtengesellschaft, die ihren Mitgliedern die Möglichkeit bietet, regelmäßig und interdisziplinär über wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse zu diskutieren. Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau umriss die Bedeutung, die Akademien heute für die Wissenschaft haben, anlässlich des 250-jährigen Bestehens der Göttinger Akademie mit den folgenden Worten: „Nirgendwo steht das wissenschaftliche Gespräch so im Mittelpunkt wie in den Akademien. Nirgendwo sind auch die Wurzeln in die Tradition der Wissenschaft so stark wie hier. Beides halte ich für wichtiger denn je: Kann doch die Wissenschaft den immer stärkeren Druck von Gesellschaft und Wirtschaft nur aushalten und produktiv verwerten, wenn sie Orte pflegt, die Distanz zum Alltag haben.“ In Anlehnung an dieses Zitat lassen sich die Akademien als die Orte charakterisieren, an denen Wissenschaft ganz bei sich ist. Das schafft Konturen, das ermöglicht Identität – beides Voraussetzungen für ein fruchtbares Gespräch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Darüber hinaus sind die deutschen Akademien der Wissenschaften außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Träger langfristiger wissenschaftlicher Projekte im Bereich der Grundlagenforschung. Aufgrund ihrer Struktur sind sie in der Lage, Forschungsprojekte mit einer großen Materialfülle und entsprechendem Umfang äußerst kostengünstig und auf hohem wissenschaftlichen Niveau zu bearbeiten. Bestes Beispiel hierfür ist das „Akademienprogramm“: Koordiniert von ihrer Dachorganisation – der „Union der deutschen Akademien der Wissenschaften“ – betreiben die deutschen Akademien der Wissenschaften eines der größten und bedeutendsten geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramme der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Akademienprogramm ist selbst international gesehen ein Solitär: Die großen Akademien anderer Länder haben zwar ebenfalls eigene Vorhaben, mit denen die deutschen Vorhaben zumeist durch Kooperationen verbunden sind. Aber ein vergleichbares Programm haben sie nicht. Das ist eine Besonderheit der deutschen Tradition, wie Prof. Dr. Volker Gerhardt, der Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission der Union, betont.

Die deutschen Akademien der Wissenschaften bewahren die humanistische Bildungstradition. Sie veranstalten wissenschaftliche Tagungen sowie öffentliche Vortragsreihen und fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs. Für hervorragende Leistungen vergeben sie Preise und Medaillen.


Seit wann gibt es wissenschaftliche Akademien?

Der Name „Akademie“ geht auf Platons Philosophenschule (um 385 v.Chr.) zurück. Nachdem der Gedanke im Renaissance-Italien wieder aufgenommen worden war, begann in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die moderne Akademiegeschichte: Im Zeichen betonter Distanz zu Theologie und Staatsrecht, der Hinwendung zu den experimentellen Naturwissenschaften und der Entwicklung historisch-philologischer Quellenkritik wuchs das Interesse der Obrigkeit an den damaligen kleinen und freien Gelehrtenvereinigungen.

Das Ergebnis bestand in der Gründung von landesherrlich privilegierten, zum Teil sogar staatlich gelenkten Akademien. 1652 wurde mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Deutschland die erste naturwissenschaftlich-medizinische Gelehrten­gesellschaft der Welt gegründet. 1660 entstand die Londoner „Royal Society“, 1663 die „Académie des Inscriptions et Belles-Lettres“ in Paris und 1666 die „Académie des Sciences“. Eine das gesamte Fächerspektrum umfassende Akademiegründung gelang Leibniz dann im Jahre 1700 mit der Konstituierung der „Brandenburgischen Sozietät der Wissenschaften“ in Berlin, der späteren Königlich Preußischen Akademie. Sie ist heute noch Vorbild für die deutschen Akademien der Wissenschaften.

Das Europa des 18. Jahrhunderts war gekennzeichnet von einer sich rasch entfaltenden Akademiebewegung: Man wollte die Welt „begreifen“ und nicht mehr ausschließlich glauben und hinnehmen; man verlangte nach einer übernationalen, interkonfessionellen und soziale Schranken überschreitenden „république des sciences“ – und fand sie in den wissenschaftlichen Akademien und Sozietäten.

Aufgrund der Geschichte des Deutschen Reiches und der föderalen Staatsstruktur hat es in Deutschland lange keine nationale Akademie der Wissenschaften gegeben. Vielmehr folgte man hier dem Territorialprinzip, was in der Bundesrepublik zunächst noch verstärkt wurde durch die Festlegung, dass Bildung und Kultur in der Zuständigkeit der Länder liegen.

Die acht Mitgliedsakademien der Union sind die:
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(1992/1700), Sitz: Berlin und Potsdam
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (1751)
Bayerische Akademie der Wissenschaften (1759), Sitz: München
Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (1846)
Heidelberger Akademie der Wissenschaften (1909)
Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz (1949)
Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste (1970),
Sitz: Düsseldorf
Akademie der Wissenschaften in Hamburg (2004)



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